Dies und das

20. Aug, 2017

Der 20. August ist der Tag, an dem alles endet.
Zumindest in Ungarn. Der 20. August vereinigt für die Magyaren so ziemlich alles, was nationale, persönliche oder saisonale Bedeutung zu haben scheint - zumindest vor : Es ist der „Tag der Verfassung, der „Tag des Heiligen Brotes“ und der „Tag des Heiligen Orbán, Quatsch  - Istvan“. Ich habe den 20. August viele Male dort erlebt.

Man packte die Balatonstrände zusammen, höchstens noch ein Langos- und ein Palacsinta-Kiosk blieben im Strandbad geöffnet und die Populationen österreichischer Quartalstrinker, holländischer Langzeitarbeitsloser und von den erstgenannten noch seltsam beeindruckter DDR-Bürger nahmen merklich ab. Es herrschte eine sonderbare Atmosphäre dann – alles war viel stiller und unaufgeregter. Würdiger fast.
Am 20. August 1989 jedoch war alles ein wenig anders. 1989 – wohl eines der wenigen Jahre, die zum Eselsohr im historischen Gedächtnis der Deutschen taugen.
Von Unaufgeregtsein konnte keine Rede sein. Unaufgeregt beantwortet sich die Frage: „Abhauen oder bleiben?“ wohl nie.
Bekanntermaßen hatten sich in jenem Sommer nicht wenige der ostdeutschen Balaton-Touristen für eine Rückreise entschieden, die sich geringfü-gig von der Route ihrer Anfahrt an den ungarischen Urlaubsort unterscheiden sollte. Die Ungarn, damals politisch durchaus noch mit großer Achtung zu betrachten, hatten die Grenzen längst geöffnet, für viele war es letztlich nur noch eine Frage des WIE.
Auch meine Familie hatte mit sich gerungen, aber wer will sagen, was ge-nau dazu führte, dass wir doch dorthin zurückfahren wollten, woher wir gekommen waren: Großeltern, ein Haus, ein Studienplatz, diffuse Heimat-gefühle ... es lässt sich all dies nicht trennen. Warum nicht auch zugeben, dass es auch das Quentchen Wagemut zu wenig war, den Exodus so ganz und an sich selbst auszuprobieren.

Warum ich nicht so schnell zurückwollte, hatte zugebenermaßen kleinli-che, persönliche Gründe: Ich war verliebt. In Hans, einen jungen Belgier, der mich in diesem denkwürdigen August drei Wochen lang ganz schwachgeküsst hatte.

Hans kam mir schon wegen seines Namens unglaublich cool und verwegen vor, zuhause hießen die Jungs anders. Gerade das Abitur in der Tasche habend verkündete er selbstbewusst, nach dem Sommer in Brüssel ‚Wirtschaft’ studieren zu wollen. Er hatte nicht nur diesen "Was kostet die Welt-Blick", sondern auch gleich die Antwort auf der Stirn: Die Welt koste-te exakt soviel wie ein Ungarn-Urlaub für Westeuropäer - also so gut wie nichts - und mit dieser braungebrannten Lässig- und Heiterkeit hatte er mich schwer zu beeindrucken gewusst: Ich stand in Flammen für einen Flamen. Ein guter Sommer war das. Pulsierend, aufregend, mit Wohlgefühl. Das Leben erschien mir wie ein Kaleidoskop. Als müsse man sich nur entscheiden, welchem dieser bunten kleinen Splitter man folgen sollte.


Am 24. August 1989 traten wir unseren Heimweg über Bratislava und Prag an – im Kofferraum einen etwa zwanzig Kilo schweren Sack Paprika, die vom kastigen Kofferraum unseres Wartburgs her ihren sagenhaft guten Geruch verströmten und auf diese Weise immer verhinderten, dass ich auf der Rückreise kotzen musste. „Glück“ ist ja nie so einfach zu beschreiben, sicher aber ist:

Es riecht nach Paprika.

13. Dez, 2016

Der dreizehnte Dezember scheint seit jeher ein Tag mit Schlüsselbedeutung zu sein. Allein die Tatsache, dass an diesem Tag zwei Dichter geboren worden sind, die sich in Kontakt-Anbahnungsbörsen nicht nur als Männer mit Herz, Hirn und Humor hätten anpreisen können, sondern dies auch noch göttlich zu Papier zu bringen vermochten, würde das sofortige Ausrufen einer frenetisch zu feiernden Heinrich-Heine-Robert-Gernhardt-Festwoche rechtfertigen.

Einiges gäbe ich darum, fiele mein eigener Geburtstag ebenfalls auf dieses Datum. Das hätte für meine bedauernswerte Mutter jedoch bedeutet, fast ein ganzes Jahr lang mit mir schwanger zu gehen und so lange hat es, dies sei hier eingeräumt, noch nie jemand mit mir ausgehalten.

Immerhin kann ich für einen 13. Dezember in den späten Eighties das fragwürdige Jubiläum meines Tanzstundenabschlussballes aufweisen. Jeder, der in seiner Jugend ähnliches durchlitten hat, wird wissen, dass man über eine solch geartete Umsetzung kinetischer Energie einer Hundertschaft Starkpubertierender im Festgewand später besser kein Wort mehr verliert, wenn man ein wenig Restmenschenwürde für sich beansprucht.

Viel beachtenswerter indes ist die ebenfalls auf den 13. Dezember fallende Jährung eines Phänomens, das mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten droht: der Geburtstag der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“.

Ernst Thälmann. Wir erinnern uns: Das war doch unser Teddy mit der Haudrauf-Mentalität, einst wirklich schwer angesagt, ein A-Promi der Zone gewissermaßen.

Der Thälmann-Hype scheint seit 1989 ein wenig verebbt. Kein Einzelschicksal - damals wurden bekanntlich viele fesche Herrschaften der Historie den Orkus des Vergessens hinabgeschickt. Es war keineswegs nur Goodbye-Lenin-Zeit, sondern es hieß auch Goodbye Thälmann, Goodbye Marx and Engels, Goodbye Makarenko, Goodbye Willy Bredel, Good bye kleiner Trompeter.

Zu meiner Schande sei an dieser Stelle anmerkend gestanden, dass ich lange Zeit geglaubt hatte, der kleine Trompeter sei ein Verfolgter des Nazi-Regimes gewesen, wenn auch einer der frühen Jahre, als man noch überlegte, wie man Ernst Röhm ein wenig am Entdecken der homosexuellen Subkultur hindern konnte und Adolf noch übellaunig an der eigenen Nichte herumzubaggern gedachte.

Ernst Thälmann war im Grunde eine Art vierschrötiger kommunistischer Haudegen aus Hamburg, der das Herz am richtigen Fleck hatte - nämlich links, und der auch sonst alles schätzte, was Männer seiner Couleur gern taten. Auch Bumsen und Besoffensein. Im Grunde sehr sympathisch.

Nur erfuhren wir damals davon nichts – ein grober Fehler, hätte dies doch unser Interesse um ein Tausendfaches erhöht.

Aus geradezu winzigen Verhältnissen stammend hatte sich Teddy schon in früher Jugend häufig im Hamburger Hafen herumgedrückt, war sogar einmal als Heizer bis nach Amerika mitgefahren und wusste bald darauf, ordentlich Stimmung beim Aufstand der Hamburger Hafenarbeiter zu machen.

Teddy, wie ihn die Arbeiter angeblich liebevoll zu nennen pflegten - und es auch uns wärmstens ans Herz gelegt wurde - hatte sich neben all seinem politischen Treiben auch eine Frau rekrutiert: Rosa. Mit Rosa war Teddy unverzüglich in die sozialistische Produktion eingestiegen und sah seinen Auftrag mit der Fabrizierung der gemeinsamen Tochter Irma als erfüllt an. Irma Thälmann. Oder besser: Irma Gabel-Thälmann.

Irma Gabel-Thälmann war nicht nur die einzige Frau der Deutschen Demokratischen Republik mit einem Doppelnamen, sondern auch der mit Abstand beliebteste Gast auf öffentlichen Ringelpietz-Veranstaltungen der Pioniere und Blauhemden. Sie war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten - die gleich Knollennase, die gleiche vierschrötige Gestalt. Sie war Teddy mit Dauerwelle, eine Art Lila-Laune-Bär der Arbeiterklasse - das war ihr Beruf, ihre Profession, und genau dafür liebte man sie.

 

Auch in meinem Leben hatte es eine Episode gegeben, in der ich voller Begehrlichkeit und Ungeduld einer Begegnung mit Irma harrte.

Mit zwölf hatte man mich einmal für geschlagene fünf Wochen aus meiner Thüringer Kleinstadt in ein Lager deportiert, das den offiziellen Namen Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ trug. Kurz umrissen handelte es sich dabei um eine Art organisierte Gehirnwäsche für ältere Kinder. Wie heute koppelte man Gehirnwäsche gern an Belobigungen und Auszeichnungen, damit die kleinen Fische bereitwilliger in da Mal der Haifische schwämmen. 

Von dem Tage an, als sich gusseiserne Tor des Kinderlagers nördlich von Berlin hinter mir geschlossen hatte, bereiteten wir uns wochenlang akribisch auf den Besuch Irma Gabel-Thälmanns vor, der uns für den Pioniergeburtstag – also den 13. Dezember – verhießen worden war. Beim Thälmann-Film konnten wir bald mitsprechen, mehrstündige Kulturprogramme wurden einstudiert. Täglich sangen und marschierten, steppten und tanzten wir bis unsere roten Halstücher ganz nass geschwitzt waren. Am D-Day saßen wir klopfenden Herzens in der Turnhalle – ready for the show to begin.

Allein – Irma kam nicht. Abgesagt, ohne Begründung.

Da merkte man, dass in ihrer Jugend die straffe Hand des Vaters gefehlt hatte, weil dieser in Buchenwald bekanntlich nicht nur dem Dekubitus entgegenzurotten hatte.

Ein Grund mehr, jede faschistoide Regung aus tiefstem Herzen zu verabscheuen.

Rot Front!

 

 

 

 

 

 

26. Okt, 2016

Während am frühen Morgen des Reformationstages - wir erinnern uns: das Halloween für Martin Luther – ganz Sachsen noch in Morpheus‘ oder Mandys Armen zu liegen pflegt, saß ich oft inmitten meiner kleinen  Pendler-Community beflissen im ICE von Leipzig nach Berlin, ready for take off, um in der Hauptstadt mein Tagwerk zu vollbringen. Für einen Berliner muss schon jemand anderes kommen als Luther, um ihn zu Feiertag und Amüsemang zu animieren.  „Lutta – wer warn dit?

Ich jedenfalls hatte beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und das elitäre Gefühl zu zelebrieren, an einem solchen Tag arbeiten zu dürfen. Vergleichbar in etwa mit der erhabenen innerlichen Haltung eines Joggers (das sind die ohne Stöcke), der sämtliche Automobilisten mit verachtendem Blicke straft, obschon diesen das wiederum vollkommen gleichgültig bleibt.

Ein bisschen auch wie das Gefühl beim Einkauf, wenn man in einem Anfall an Gutmenschentum eine bräunliche Papiertüte statt des schändlichen Kunststoff-Behältnisses erworben hat, dem erfahrungsgemäß noch vor Erreichen der heimischen Wohnungstür der Boden durchknallt und die zwei Kilo Tomaten auf drollige Weise im Straßenverkehr herumzukullern beginnen, sodass man schwitzend und rotköpfig – unter den höhnischen Blicken der plastikbetüteten Passanten - alles wieder aufsammeln muss.

Es ist schlichtweg im Leben ganz selten so wie in dieser bezaubernden Werbung der Achtziger, in der ein deutscher und dennoch sympathischer junger Mann irgendwo in einer pittoresken, klar als süditalienisches Städtchen zu erkennenden Urbanisation in einen riesigen mit Tomaten gefüllten Stapel an Kartons fährt, weil er der rassigen Dorfschönsten hinterher zu spechten wusste, die ihm wiegenden Ganges in einem Gässchen entschwindet.

Gespechtet wird hier im Abteil jetzt auch. Es ist nämlich gerade der Dorfschönste aus Wittenberg eingestiegen. Typ: Krawattenkasperl  mit modisch zurechtgeschmiertem Haupthaar, ein frisch gecoachtes und geduschtes Bürschchen. Auch technisch ist der Anzugträger prima ausgerüstet: In Windeseile hat er iPhone, Laptop und Zweithandy vor sich ausgebreitet wie auf einem Altar. Der Mann braucht diese Tools, wie er sie nennt, denn damit hat er etwas, wo er den ganzen Stuss, der unter seiner Schmiertolle lagert, hineinreden oder hineinhacken kann. Er fühlt  sich dann aktiv, der Mann. Nein besser – er fühlt sich proaktiv! Wenn man als Erwachsener nämlich proaktiv ist, lässt es sich um einiges leichter vergessen, dass man schon im Kindergarten bedeutungslos und in etwa so beliebt wie ein weiträumige Prostata-Abtastung gewesen war.

Wann hat das eigentlich begonnen, dass junge Männer nicht mehr arglos im Cabrio durch Sizilien zu pesen wussten, sondern mit einer elektronisch hochwertigen, kümmerlich aufgewerteten Erscheinung angefangen haben, die Kreise friedfertiger Zugreisender zu stören?

Der mitreisende Anzugfredi jedenfalls scheint einem größeren Geschlechtstrieb unterworfen zu sein als ein Angestellter der Odenwaldschule. Nur so ist es zu erklären, dass er in sich erhöhender Frequenz zu mir herüberzuglotzen beginnt - mit einem Augenaufschlag, den er vermutlich für Bruce-Willis-verdächtig hält, tatsächlich jedoch eher an den Blick einer zutraulichen Hirschkuh erinnert.

„Ah, sein Handy klingelt!“ Nun spricht es auch noch aus dem Mann! Leider genauso, wie es zu vermuten war: Das Temperament einer mit Valium vollgepumpten Weinbergschnecke erhält durch das Idiom eines sachsen-anhaltinischen Fachschulabsolventen Präsenz und erfüllt nun den Großraumwagen. Der Mann ist der lebende Beweis dafür, dass es nicht gut ist, als Opfer zu vieler teambildender Maßnahmen über zu viele glühende Kohlen gelaufen zu sein. Der Mann spricht, wie Hitler malte .

Es sagt zum Beispiel brainstormen und etwas mache Sinn, er gibt seinem Gesprächspartner eine Prognose, die er selber forecast nennt, weil er glaubt, dass dann die Voraussage präziser sei. Seine Mitarbeiter seien wichtige assets und überhaupt könne man vieles in (!) 20013 gar nicht mehr sagen ...

Zwischendurch rudert er wild mit den Armen, um einzelne Worte in Anführungsstrichelchen zu setzen. ‚Das passt’, denke ich, als ich bereits meine Jacke anziehe, der Mann ist auch noch ein Anführungsstricher. 

 Da Selbstüberschätzung und unangemessenes Verhalten sehr oft durch eine unsichtbare Nabelschnur miteinander verbunden zu sein scheinen, drückt der Mann mir beim Aussteigen verschwörerisch seine Visitenkarte in die Hand und murmelt heiser: Heute Abend Halloween in West-Berlin?“

Schlagfertig wie man zehn Minuten später immer ist, hätte ich ihm gern gesagt: „Mit Ihnen zu Halloween in West-Berlin? Ach danke, nein! Lieber hätte ich mich von Luther an der ... nein ... an die Schlosskirche nageln lassen!“

 

 

4. Aug, 2016

Die Welt mutet zur Stunde seltsam an. Vielleicht wirklich noch seltsamer als sonst. Dabei haben wir allein im vergangenen Jahr so vieles überstanden:
Wir sahen Turnhallen zur Immobilien Nr. 1 aufsteigen, lernten hinzunehmen, dass Menschen wieder gerne an anderen herumzündeln und ließen die Kanzlerin nach Strich und Faden beschimpfen. Schlimm war das alles. Schlimm, schlimm.

Am schlimmsten aber mutet mir etwas ganz anderes an. In Zeiten, in denen so viel über die neue Gretchenfrage („Schaffen wir das? Ja? Nein ? Vielleicht?) diskutiert wurde, versagte vor unseren Augen eines der wichtigsten und nicht selten teuersten Instrumente, mit dem man den karriereorientierten Bundesbürger in der jungen Vergangenheit an der Stange hal ... oder vielleicht eher herumführen wollte.
Die Rede ist von protoptypischen Motivationsseminaren für Manager, für Führungskräfte von Gottes Gnaden und Abteilungsleiter auf der mittleren Ebene. Es mag Unterschiede auch zwischen diesen geben, so viel sei eingeräumt, die unteren Schubladen allerdings werden zweifellos nicht selten und nicht ungern bedient. Vielleicht, weil mit dem Menschen wirklich nicht so viel los ist, wie man es sich wünschte.
„Du kannst alles schaffen, du musst es nur wollen!“, hieß es da doch sinngemäß oft, während man sich in gemeinschaftlicher Vollverdumpfung anschickte, über glühende Kohlen zu laufen oder Krawatten-Existenzen mit wenig variantenreichem Manipulationsrepertoire in der Kasseler Stadthalle unter Doctor-Alban-Klängen zujubelte.
Alle wollten plötzlich über ihre Grenzen gehen, wenn sie auch nicht wussten wohin, und „Tschakka, du schaffst es!“-Gefühle in sich etablieren. Manche brauchten dazu sogar CDs, bei denen sie mitsprachen wie früher die DDR-Schüler russische Minimallaute im Sprachlabor.

Der Mensch müsse nur seinen Traum leben, hieß es da oft. Er müsse sich nur Ziele setzen, dann würden sich diese auch „mirnichtsdirnichts“ verwirklichen lassen.

Ich frage mich, wo diese Menschen jetzt sind. Die damals mitzuschunkeln sich nicht zu schade waren, die über die Kohlen gerannt sind und hinterher von einem Erweckungserlebnis gesprochen haben. Die tagsüber in omnipotenter Manier wie Kalif Storch herumstolziert sind und sich abends vermutlich doch oft verzweifelt ins Kissen geweint haben.

Wo sind die hin - mit all ihren Ideen, ihrer visionären Kraft, ihrer nicht versiegenden Zuversicht, dass man sich nur anstrengen müsse, damit man ein Ziel erreicht?

Es müssen andere Ziele gemeint gewesen sein damals. Ziele, die nicht direkt was mit dem Menschsein zu tun haben. Vom Wohl des anderen jedenfalls war nie die Rede. Aber das fällt einem jetzt erst so ungeschönt auf.

Und so ist vielleicht auch meine augenblickliche Verwunderung so groß. Die Verwunderung über Menschen, die sich als Anführer anderer aufgeführt haben. Und die jetzt so versagen mit ihrer Creativity.
Dabei wäre die doch jetzt gerade sehr gefragt! Bei Fragen, wie man Menschen menschenwürdig unterbringt zum Beispiel. Sie in der Noch-Fremde auf den Weg bringt und begleitet.
Wo sind die Ideen angesichts der überwältigend großen Zahl der Erwarteten? Wo ist deren „Marketing-by-Potemkin“-Zuversicht, dass man erst mal ein paar schöne Prospekte und Presseberichte mache und der Rest sich dann von selbst ergäbe?

Ich fordere eine Stellungnahme von all diesen Fuzzis. Oder zumindest das Bekenntnis, dass es gar nicht die Suggestivkraft ihrer Coaching-Lappen war, die sie in ihre jetzige Geistesumnachtung und Positionen gebracht hat, sondern vielleicht ihr ureigenes Talent, in der Klempner-Falte ihrer Vorgesetzten emporzuwachsen.

Sehen wir der Realität ins Auge: Von dort wird wohl wenig Konstruktives angesichts der augenblicklichen Lage kommen.

Wir müssen wohl auf andere, längst um hinterrücks umgelegte Coaches zurückgreifen. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Rosa Luxemburg?.

„Wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe?, schrieb diese im Jahr 1917 an ihre Schwester. „Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgestellt und sitze nun versteckt zwischen grünen Sträuchern. Rechts von mir die gelbe Zierjohannisbeere, die nach Gewürznelken duftet, links ein Ligusterstrauch …, und vor mir rauscht langsam mit ihren weißen Blättern die große, ernste und müde Silberpappel … Wie ist es schön, wie bin ich glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung – die volle üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch.“

Rosa Luxemburg war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren inhaftiert Die Belastungen des Gefangenenalltags, die Enge, das schlechte Essen, die fehlenden Nähe zu Familie und Freunden haben ihr die anrührend elementare Freude über den Sommer nicht nehmen können.

Sie hat uns gezeigt: So lange du nicht tot bist, kannst du verdammt gute Gedanken entwickeln.

Wir schafften allerlei, da bin ich sicher. Wenn wir nur wollten. Tschakka!

 

21. Jul, 2016

Wenn das Jahr mal wieder an einem größeren Meilenstein angekommen ist, hat man manchmal Sehnsucht nach der Kindheit. Der Beginn der großen Ferien ist so Punkt.

Was war das aber auch für ein Gefühl, wenn vor einem acht sorglose, verheißungsvolle Wochen lagen? Draußen waren die Kirschen prall-rot am Baum, man strich um die Häuser, hängte sich Kirschenzwillinge über die Ohren und konnte sich noch nicht recht entscheiden zwischen aufgeschlagenen Kni...en und einem ersten Anflug an Verliebtheit. Fürs Ausruhen ist man zu jung und die Sinne zu wach. Du traust du dich schon ein bisschen zu denken, aber noch mehr zu hoffen, und deine Neugier aufs Leben ist so endlos wie der Horizont. Acht Wochen Sommer. Danach war man ein anderer Mensch, das fühlte man und man konnte es kaum erwarten.
Immer am letzten Dienstag vor den großen Ferien bestiegen wir mit Kantor Schubert als Highlight des Christenlehre-Jahres den Kirchturm. Etwas Besonderes, das sonst niemandem beschieden war, so empfanden wir das.

Ein bisschen zwiespältig die Gefühle immer beim Hinaufsteigen entlang des
engen, staubigen Gemäuers. Auf den schiefen, schmalen Stufen, an der Glocke vorbei, die plötzlich so einschüchternd groß und alles andere da unten nichtig erschien. Wenn man seine Initialen in der Umzäunung ganz oben dann eingeritzt hatte und alle anderen gelesen, dieses Gästebuch kurz unter den Wolken, und den letzten Blick auf die Stadt genommen, den anderen wichtig mitteilend, man habe sein Haus aus der Ferne entdeckt, dann war man bereit. Bereit für acht Wochen, in denen man mit einem anderen Blick die Dinge einfach auf sich zukommen lassen würde.

Auch wenn es keine acht Wochen mehr sind, wenn man sich schon mehr im Leben aufgeschlagen hat als die Knie, ... ich glaub, ab und zu auf einen Kirchturm, das sollte man tun. Solange man es noch schafft ... :-)