23. Jan, 2016

Das Ende der Geduld?

Nicht erst seit Köln denke ich in letzter Zeit immer wieder an die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die vor einigen Jahren mit ihrem Buch "Das Ende der Gewalt" und vor allem leider mit ihrem - unter unklaren Umständen erfolgten - Ableben 2010 von sich Reden gemacht hatte.
Heisig hatte schon sehr früh klare Worte dafür gefunden, wie sich missglückte Integration in den Berliner Stadtbezirken ganz konkret in schier inakzepabler Jugendgewalt äußere.
Was aber passierte, war fast exemplarisch: Anstatt nach gangbaren, unbürokratischen und praktikablen Lösungswegen zu suchen, wurden viele aufgebrachte Worte in die deutsche Luft gesprochen. Ob man das dürfe, wurde einerseits aufgebracht gefragt und andererseits von vielen, deren Kopp gegen Mittag dann doch mal durch die Tabletten brach, resignierend lamentiert , wie schlimm das alles mit den Ausländern sei.
Sprich: Es ging jahrelang viel Energie verloren, die man vielleicht besser dafür gebraucht hätte, sich a.) mal wieder ein bisschen selber zu reflektieren und einfach mal realistischerweise festzustellen, dass einer Vielzahl der Männer ein gefälliges Centerfold im "Playboy" immer näher sein wird als die Ziele der deutschen Frauenbewegung. (Das kann man übel nehmen oder nicht, aber es trifft sicher zu.) und b.) mal zu überlegen, was man mit den Mitteln des deutschen Staates gegen die zunehmenden Sexual- und Jugendstraftaten machen kann. So desaströs, so unbeholfen und so unvorbereitet auf die auftretenden Probleme der schwelenden und wachsenden Integrationsaufgaben sind wir nämlich nicht oder
wie der weitere Gesprächspartner im Interview des Tagesspiegels von 2006, der Jugendrichter Günther Räcke, sehr klar sagt: "Wir haben die rechtlichen Mittel, aber organisatorisch könnte man was tun."
Dieser Satz gefällt mir außerordentlich: Weil er ebenso auf andere Bereiche der Gesellschaft übertragbar wäre. Auf das Schulsystem zum Beispiel: Wir haben zum Beispiel hervorragend ausgebildete Leute dort, zum überwiegenden Teil sogar sehr engagiert, aber die Struktur ist mehr als überholt und frisst Ressourcen menschlicher Kraft, die wir in geeigneteren Strukturen wunderbar einsetzen könnten.
Man könnte die Liste fortführen. Das Pulverfass der Situation wie es mit der personellen Lage bei der Polizei aussieht, hier anzuschneiden, würde vermutlich das Wochenende kosten. Eines, das viele Polizisten mal wieder gar nicht haben werden ...
Unser Ende der Geduld ...? Das zieht sich ganz schön lang. Geduld haben wir offensichtlich reichlich. Irgendwie alarmierender klingt es, wenn man Geduld ins Lateinische übersetzt. Dann sind wir nämlich alle Patienten.

Die auf irgendwas warten. Warten in einer multimorbiden Gesellschaft. ...
Ich bin aber zu zuversichtlich vom Wesen her, als dass ich uns schon für austherapiert halte. Wir sollten jetzt nur mal langsam von der Homöopathie zur Amputation übergehen. Manch Wasserkopp weniger in diesem Land würde doch gewiss nicht allzu viel Phantomschmerz auslösen, oder ... ?

http://www.tagesspiegel.de/berlin/zivilisatorische-standards-gelten-nicht-mehr/778068.html