5. Mai, 2016

Ein Funke Action

In Leipzig-Probstheida, einer heute als eher unattraktiv geltenden Randlage der Stadt, springt vermutlich alles mögliche übereinander, nur kein FUNKE über. Und doch ist ISKRA, der Funke, der Name eines sich dort befindlichen kleinen, nahezu in Vergessenheit geratenen Häuschens, das bis zum Jahre 1991 eine Gedenkstätte gewesen war.
Eine Gedenkstätte für eine Druckerei, die sich um 1900 herum heimlich dazu aufgeschwungen hatte, die erste Ausgabe der revolutionären Zeitschrift ISKRA, Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, unter dem damals federführenden Lenin zu drucken.

Irgendwann in den späten Achtzigern muss ich mal da gewesen sein. 14jährig und im Klassenverband waren wir ganz ohne Bordbistro mittels Reichsbahn auf braunen müffelnden Kunstledersitzen nach Leipzig gekarrt worden, um geschlossen in der ISKRA-Gedenkstätte in die DSF, die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft aufgenommen zu werden. Um ehrlich zu sein, war uns nicht nur Genosse Lenin, sondern auch die gesamte Oktoberrevolution völlig gleichgültig, wichtig war uns vor allem das Kalenderblatt, das an jenem Tage den 11. November zeigte.
Und wenn man am 11. November als Achtklässler um elf Uhr elf in einem dunklen Raume innerhalb einer hochpathetischen Zeremonie steht, die einem ein kleingewachsener Russe aus Uljanowsk mit Hang zur Gymnastik viele Jahrzehnte zuvor eingebrockt hatte, kann man von einem manifesten Interessenkonflikt sprechen.

Korrekt war, dass wir vor allem eines wollten: kichern und am Nachmittag in die Innenstadt von Leipzig abdriften, das uns als Kontrast zu unserer überschaubaren Thüringer Kleinstadt metropolenhaft vorgekommen sein muss. Die Hainstraße als Times Square sozusagen, das war es!

Als es dann schon ein wenig zu dunkeln anfing, worauf man im November nicht allzu lange zu warten hat, fanden wir uns alle vollkommen glücklich mit ein paar fluoreszierenden Lippenstiften in Blau-Metallic oder schlichtem Weiß der rosa-schwarzgestreiften DDR-Kosmetiklinie ACTION am Leipziger Hauptbahnhof ein. Auch unsere Lehrerinnen hatten am Nachmittag Lenin kurz vergessen und zeigten nicht minder verklärt schauend ihrer Trouvaille in Form einer Roger-Whittaker-Single, der milde lächelnd auf dem Cover verriet: Abschied ist ein scharfes Schwert.

Wie recht Roger Whittaker und Lenin hatten, das war mir damals nicht bewusst. Auch dass metallic-blaue Lippenstifte einen nicht sehr viel weiterbringen im Leben. Ich war diffus verliebt in das Leben, das trotz Umweltverschmutzung und Braunkohle-Luft voller Möglichkeiten zu stecken schien und in Jungs, die Gregor hießen oder zumindest so aussahen.
Ich hatte Hoffnungen in alle möglichen Richtungen, sogar nach oben und unten. Ich hatte Brieffreunde in Russland (schöne dicke Briefumschläge mit Hologramm-Bildchen) und im Westen (komische Handschrift!). Mit ersteren sogar Verkehr via Luftpost. Kein Wunder, dass ich wiederum täglich dem Postboten entgegenflog. So ging langsam das Jahr 1988 zur Neige.

Dann wacht man auf und plötzlich hat sich schon das Jahr 2014 herangewanzt. Morgen habe ich schon wieder Geburtstag und vor allem das Gefühl, es hat sich, was mich betrifft, nicht viel Wesentliches geändert. Sogar ein Fünkchen Zuversicht sprüht noch, ein Iskrachen. Vielleicht sollte ich morgen mal nach Probstheida fahren. Volle ACTION eben. :-)