31. Mai, 2016

"Helmut, Helmut!" - Eine Domplatzgeschichte

„Helmut, Helmut!“

20. Februar 1990. Es war vermutlich die größte politische Demonstration, die Erfurt je gesehen hatte. Rund 100.000 Menschen waren in die Stadt gekommen, die zu diesem Zeitpunkt 220.000 Einwohner zählte. Und ich war mitten unter ihnen, gerade aus Gotha geflohen, wo ich als Insasse eines dreiwöchigen Russisch-Winterlagers erneut für die Bezirks-Russisch-Olympiade hergerichtet werden sollte, wo es doch im Vorjahr schon so gut gelaufen war.

Allerdings war im letzten Jahr aber noch alles ganz anders gewesen. Jetzt stand ich hier auf dem Domplatz.  Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hatte ich es dieses Mal nur im winterlich-idyllischen Gotha ausgehalten, meinen Standpunkt zu willkürlichen Zusammenpferchungen einer unterschiedlichen Anzahl mir vollkommen fremder Individuen zum Zwecke der Nachtruhe gefestigt, eine beachtliche Portion 16jähriger autistischer Dummheit und eine noch größerer Portion Trotz im Gepäck. Mehr nicht. Den Rest hatte ich einfach im Lager gelassen.  Ohne irgendjemand in Kenntnis zu setzen, hatte ich am frühen Nachmittag den Runaway-Train nach Erfurt genommen, um Helmut Kohl auf dem Domplatz zu erleben. Man darf das nicht falsch verstehen. Ich hatte keine sonderliche Affinität zu dem korpulenten Staatsmann, noch nicht mal zur CDU an sich. Jedoch das unbesiegbare und – für mich damals völlig unbegründbare Gefühl, das um mich herum  – in meiner unmittelbaren Umgebung – gerade Geschichte stattfand. Dabei sein. Nicht in einer Gruppe herumtappsen. Mir ein Bild machen. Und zwar allein. 

Ich erinnere mich: Viele, die sich mit mir vom Fischmarkt in Richtung Domplatz gekämpft hatten, trugen Transparente mit sich: Pro deutsche Einheit, pro D-Mark, pro Kanzler.

Einige wenige stellen sich ostentativ gegen Kohl, gegen die CDU und für einen eigenständigen Weg der DDR. Endlich lobt ein Mikro laut und blechern die gastgebende Stadt.

Wenn man die Menschenmenge zurückholt in Gedanken kann man sich eines fast liebevollen Lächelns nicht erwehren: Wind-- und Jeansjacken im Februar statt Mäntel, alle irgendwie moonwashed im Gefühl, die Frauen mit etwas zu grünem oder metallic blauen Lidstrich,  Kaltwelle im Haar, Donauwellen noch unbekannte Gewässer.

Männer mit Oberlippenbärten, keine Magnums, noch nicht mal als Eis. Und alle standen wir da und schauten auf Figuren vor dem Dom, die wir nur aus dem aus dem Westfernsehen kannten. Ich – wie immer unzureichend gegen Kälte gewandet – fröstelte in der recht milden Winternachmittags-Sonne oder war es des seltsamen Konglomerats wegen, dass Linke und alte SEDler zu geben wussten? Die hier scheinbar geschlossen gegen den Bundeskanzler demonstrieren? „Helmut Kohl, geh wieder heim, seif deine eignen Leute ein!“.

Ich war voller jugendlicher Abscheu gegen die alten Parteibonzen und fand es ungehörig, dass sie hier nun auftrumpften gegen den einzigen, der einen genauen Fahrplan  zu haben schien in dieser Zeit des „Nicht mehr hier, aber auch noch nicht dort Seins“

Es war eine Zeit der Entscheidungen damals, der Debatten an legendären runden Tischen - ganz gleich welcher Form, des rasanten Aufstiegs und des jähen Falls Einzelner. Wenn man so will, eine mehrmonatige Erektion.

Eine Erektion ist kein angenehmer Dauerzustand, wie wir wissen. Irgendwann wurde vollzogen. Alle Teilnehmer fast apathisch zurücklassend.

Die postkoitale Phase allerdings dauert lang schon: Wir sitzen befriedigt  im - von philanthropischen Investoren - aufwendig sanierten Gründerzeithaus. Wir trinken Yogi Tee und Bio-Limonade, mittags können wir in wenigen hundert Metern Entfernung chinesisch, italienisch, japanisch, Vollwert-Bio oder deftig thüringisch, sächsisch oder gar pfälzisch essen gehen. Wir können am Kiosk unter hundert Zeitungen auswählen, müssen keine mehr unter der Jacke nach Hause tragen. Das ist alles in keiner Weise zu tadeln. Oder doch?

„Helmut, Helmut“ – so rauschen mir  die Jubel- und Sprechchöre dieses merkwürdig erschlichenen Erfurter Spätwinter-Nachmitttags noch immer im Ohr.

Vielleicht bleiben wir doch immer nur das Kind, das nach Papa ruft. Die schwere Lightversion für diesmal.