14. Jul, 2016

Von einer sonnigen Insel, einem kleinen Wunder und einem türkischen Schindler

Man muss sie schon finden wollen, die älteste Synagoge Griechenlands - zu verborgen liegt sie in einer der unscheinbaren Altstadt-Seitengassen von Rhodos-Stadt. Es ist die einzige verbliebene auf Rhodos, die letzte von ehemals sechs Synagogen, die es einst dort gegeben hatte. Sechs Synagogen und ein prosperierendes jüdisches Leben prägten einst diese imposante mittelalterliche Hauptstadtanlage.

Das lag vor allem daran, dass man den sephardischen Juden (Sepharad ist das hebräische Wort für Spanien) im 16. Jahrhundert in Spanien das Leben mit der Inquisition schwer bis unmöglich zu machen drohte, so dass diese in den östlichen Mittelmeerraum aufbrachen, wo sie vom osmanischen Sultan gastlich aufgenommen wurden.  Auf Rhodos richteten sie sich ihr Leben ein – entgegen der populären Vorstellung in Berufen unterschiedlichster Sparten, nicht nur in Geldgeschäften.

Von dieser blühenden Gemeinde von einst ist heute nichts mehr zu spüren. Keiner der Touristen, die in der Altstadt von allen Seiten zu einem Ouzo, etwas Essbarem und griechischem Kunstgewerbe überredet werden sollen, verirrt sich zufällig hierher.

Aus ganzen fünf Familien, etwa 20 Mitgliedern, besteht die Gemeinde heute noch, erzählt Carmen Cohen, die sich mit viel Herzblut um die Gemeindeverwaltung kümmert und die ich anrufe, weil ich wissen will, wie es dazu kam. Wie es dazu kam, dass von fast 4000 Gemeindemitgliedern nur 151 überlebt haben.

Deutsche Gründlichkeit und türkische Menschlichkeit werden vorkommen in dem Mosaik aus Geschichten und Schicksalen, das sich einem da auftut an diesem sonnigen Ort in der Ägäis, an dem man sich nicht anders als wohl und sicher zu fühlen meint.

Wohl und sicher fühlten sich vermutlich auch die jüdischen Familien auf Rhodos, das seit 1912 zu Italien gehörte und über lange Strecken eine judenfreundliche Umgebung zu schaffen in der Lage war.

Als 1940 der kleine Herr Goebbels auf der Insel schon mal nach dem Rechten sah, hörte etwa die Hälfte der Gemeinde die braune Nachtigall trappsen und suchte das Weite. Ihre Fluchtziele waren vor allem Palästina und Afrika.

Die, die geblieben waren, hatten größtenteils mit dieser Entscheidung unwissentlich ihr Ende beschlossen:  „In ewiger Erinnerung an die 1604 jüdischen Märtyrer von Rhodos und Kos, die in Nazi-Todeslagern ermordet wurden“ – so die Inschrift, die in sechs Sprachen in einen Granitblock eingemeißelt ist, den man 2002  auf der  Platia martyron Evräon, dem Platz der jüdischen Märtyrer, eingeweiht hat. Eine Inschrift, die alles sagt und doch nicht das, was im Juli vor 72 Jahren dort geschah.

Nachdem Mussolini 1943 abgesägt worden war, marschierten auf  Rhodos deutsche Truppen ein und zwangen die italienische Garnison zur Kapitulation.

Ein Jahr darauf sandte man einen Mitarbeiter Eichmanns nach Rhodos: zur Vorbereitung der Deportation der Juden von den Inseln des Dodekanes.

Im Juli 1944 war man so weit: Entsprechend deutscher Meldementalität waren  die rhodischen Juden angehalten worden, sich an einem bestimmten Tag im deutschen Hauptquartier zu melden. Einer, der die Gefahren dieser geplanten Deportation offenbar bereits vor Augen hatte, war der türkische Generalkonsul Selahattin Ülkümen, ein junger Mann von erst dreißig, der etwas Bewundernswertes tat: Unter außerordentlich großzüger Interpretation seiner Dienstvorschriften rettete er mindestens 42 Juden vor den Gaskammern in Auschwitz, indem er jenen, die einst osmanische Staatsbürger gewesen waren, türkische Pässe ausstellte. Das galt auch für deren  Ehepartner und Kinder. Es sollen sogar einige darunter gewesen sein, die überhaupt keine Verbindung zur Türkei hatten. Ülkümen verstieß wissentlich gegen geltendes türkisches Recht, weil er seine seine innere Stimme nicht zu überhören verlernt hatte.

Den Deutschen gefiel dies nicht: Sie bombardierten daraufhin Ülkümens Haus in Rhodos, seine hochschwangere Frau erlag wenige Tage später ihren dabei erlittenen Verletzungen. Der ungeborene Sohn konnte gerettet werden und so viele Jahre später - als Erwachsener - seinen Vater sagen hören,  er habe keine der Juden in Rhodos gekannt, er habe nichts weiter mit ihnen zu tun gehabt. "Alles, was ich getan habe, war, meinen Pflichten als menschliches Wesen nachzukommen."

Ülkümen wurde 1990 wurde als einziger türkischer Staatsbürger in den Kreis der "Gerechten der Völker" aufgenommen und pflanzte einen Baum im Ehrenhain von Yad Vashem.

Von den 1700 Juden, die am 23. Juli 1944 über das KZ Haidari in Athen in die Vernichtungslager deportiert wurden, überlebten 151.

Vor zwei Jahren jährte sich dieses Datum zum 70. Mal. Carmen Cohen organisierte anlässlich dieses Jahrestags eine Woche des Gedenkens. „I thought it would be my last week“, scherzt sie in Erinnerung an die arbeitsintensive Vorbereitung am Telefon und fügt hinzu: „151 Überlebende. Wenn 151 Menschen gekommen wären zu dieser Gedenkveranstaltung, ich hätte es als Zeichen der Hoffnung gesehen.“

Es kamen 500.