20. Jul, 2016

Noch immer unser Problem ... Gedanken zum 20. Juli

20. Juli - Das ist nun wiederum MEIN innerer Nationalfeiertag und das weiß Gott nicht erst, seit Tom Cruise hierzulande mit der „Operation Walküre“ zu dilettieren wusste.

Stauffenbergs Tat verdient höchste Verehrung, Respekt, Bewunderung, er selbst - man könnte sagen "eine Persönlichkeit", wenn man ihm damit nur gerecht werden würde.

Aber es hingen doch so viele andere auch an den Vorbereitungen für den 20. Juli. Es kann uns doch auch nicht allein nur um dieses Datum gehen, um diesen Kulminationspunkt dieses Putschversuchs. Es kann uns doch nicht darum gehen, heute ein paar Feierlichkeiten abzuhalten - alles in bester Absicht selbstverständlich oder um ein paar bewundernde Facebook-Postings abzusondern.

Was hinter diesem Datum steht, - und das ist das Faszinierende und Überdenkenswerte - ist eine HALTUNG, eine Art des Denkens, die gar keinen anderen Weg sieht als zu handeln aus innerer Notwendigkeit. Innerlich zumindest zu ahnen, was gut, was richtig ist, weil man sich an klassischen, humanistischen Maßstäben orientiert, mit diesen möglicherweise aufgewachsen ist.

Was hat das alles mit uns und der heutigen Zeit zu tun? Alles. Es hat alles mit uns zu tun. Es ist von solcher brennender Aktualität, dass es täglich auf der Titelseite der Gazetten stehen müsste.

Mein Gefühl aber ist ein elender, kleiner, kümmerlicher Pessimist und sagt mir:

Wie man aber zu einer solchen Haltung gelangt, ist heute nicht nur vielen schleierhaft, sondern auch in keiner Weise wichtig. Wirklich: Mich erschreckt diese Duldsamkeit der Menschen, mit der sie die auch heute schreiende Ungerechtigkeit der Welt ertragen, ignorieren, irgendwie eingerichtet sind. Natürlich wird eine omnipräsente, vollkommene Gerechtigkeit niemals herzustellen sein, aber heißt das gleichzeitig, dass man damit aufhören sollte, zumindest für mehr Gerechtigkeit einzutreten?

„Reichtumstoleranz“, „Schönheitsfehler in Kauf nehmen“.... all das waren doch schon Schlagworte, die bereits zu Hitlers Zeiten einlullend vor sich hergeschoben wurden, damit man es bequem hat vielleicht oder weil man schlichtweg nicht mehr durchgeblickt hat.

Es ist möglicherweise eine fatale Melange aus Ignorant-Halten und Zerstreuung der Massen, das gekonnte Abzielen auf deren niedere Interessen von einigen wenigen mit noch niedrigeren Interessen, aber einer gewissen Restraffinesse, die ganze Zeitalter in den Untergang führten. Das Gute (oder Schlechte?) daran:
Es dauert jetzt vielleicht noch ein Weilchen ...

Von Bonhoeffers, einer Familie, die allgemein bekannt ist als äußerst verstrickt in die Taten des 20. Juli, nicht nur durch Dietrich, wird zum Beispiel von Emmi Bonhoeffer (geb. Delbrück, Frau von Dietrichs Bruder Klaus Bonhoeffer, verhaftet im August 1944, 1945 zum Tode verurteilt) ist kleine Episode überliefert, die ich im Folgenden wiedergebe. Warum? Weil sie diese Haltung, die ich meine, verdeutlicht, und nicht zuletzt, weil sich mich anrührt und mir außerordentlich gefällt:

„Weder Bonhoeffers noch Delbrücks hatten irgendwelchen gesellschaftlichen Ehrgeiz. Die luden sich Leute ein, mit denen sie sich gern unterhalten wollten. Einladungen, bloß um mit diesem oder jenen zu verkehren, gab es nicht. Es gibt eine charakteristische Geschichte von Vater Bonhoeffer. Die drei Jungen, von denen zwei verlobt waren – Karl Friedrich mit Grete v. Dohnanyi und Klaus mit mir – wanderten abends um den großen Esstisch und stritten darüber, ob die Frau in der Ehe eigentlich mehr hilft oder mehr stört. Diese Unterhaltung war so lebhaft, dass Vater Bonhoeffer, der dies in seinem Arbeitszimmer hörte, dazukam und fragte: „Worüber streitet ihr eigentlich?“ – „Wir können uns nicht darüber einigen, ob die Frau in der Ehe mehr hilft oder mehr stört.“ Sagte der Alte lächelnd: „Frau soll stören.“, und ging wieder hinaus.

Bei Bonhoeffers war die Erziehung primär auf Wahrhaftigkeit gerichtet; alles, was aufgemacht war oder vormachen oder imponieren wollte, wurde belächelt. (...)
Natürlich war man auch in unserer Familie kritisch. So erinnere ich mich, dass mein Vater es nicht mochte, wenn wir Kinder 1914/15, wie es damals Sitte war, mit Papierfähnchen durch die Straßen liefen und hurra schrien, um irgendeinen Sieg zu feiern. Das mochte er nicht, und er erzählte uns von den alten Griechen, die gelehrt haben: „Du sollst bei einem Siege stehen, wie bei einer Trauerfeier.“ Nun, so sind wir eben erzogen worden, und dann kann man nicht mit Hitler sympathisieren ... .“

Diese wenigen Zeilen sagen so viel über ganz modern erscheinende, aktuelle Fragen unserer Zeit, sie werfen einen alles darbietenden Lichtkegel auf Gaucho-Tänzeleien, auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft, auf Marketing-Fuzzis, auf unser Bildungsystem und auf allgemeines Medien-Geplärre ...

Alles Probleme, keine Frage, die sich allerdings in einem bündeln:

„Das größte Problem ist die Wiederherstellung des einfachen, menschlichen Anstandes.“

(Carl Friedrich Goerdeler)