4. Aug, 2016

Es fehlt uns an nichts ... außer an positiven Gedanken

Die Welt mutet zur Stunde seltsam an. Vielleicht wirklich noch seltsamer als sonst. Dabei haben wir allein im vergangenen Jahr so vieles überstanden:
Wir sahen Turnhallen zur Immobilien Nr. 1 aufsteigen, lernten hinzunehmen, dass Menschen wieder gerne an anderen herumzündeln und ließen die Kanzlerin nach Strich und Faden beschimpfen. Schlimm war das alles. Schlimm, schlimm.

Am schlimmsten aber mutet mir etwas ganz anderes an. In Zeiten, in denen so viel über die neue Gretchenfrage („Schaffen wir das? Ja? Nein ? Vielleicht?) diskutiert wurde, versagte vor unseren Augen eines der wichtigsten und nicht selten teuersten Instrumente, mit dem man den karriereorientierten Bundesbürger in der jungen Vergangenheit an der Stange hal ... oder vielleicht eher herumführen wollte.
Die Rede ist von protoptypischen Motivationsseminaren für Manager, für Führungskräfte von Gottes Gnaden und Abteilungsleiter auf der mittleren Ebene. Es mag Unterschiede auch zwischen diesen geben, so viel sei eingeräumt, die unteren Schubladen allerdings werden zweifellos nicht selten und nicht ungern bedient. Vielleicht, weil mit dem Menschen wirklich nicht so viel los ist, wie man es sich wünschte.
„Du kannst alles schaffen, du musst es nur wollen!“, hieß es da doch sinngemäß oft, während man sich in gemeinschaftlicher Vollverdumpfung anschickte, über glühende Kohlen zu laufen oder Krawatten-Existenzen mit wenig variantenreichem Manipulationsrepertoire in der Kasseler Stadthalle unter Doctor-Alban-Klängen zujubelte.
Alle wollten plötzlich über ihre Grenzen gehen, wenn sie auch nicht wussten wohin, und „Tschakka, du schaffst es!“-Gefühle in sich etablieren. Manche brauchten dazu sogar CDs, bei denen sie mitsprachen wie früher die DDR-Schüler russische Minimallaute im Sprachlabor.

Der Mensch müsse nur seinen Traum leben, hieß es da oft. Er müsse sich nur Ziele setzen, dann würden sich diese auch „mirnichtsdirnichts“ verwirklichen lassen.

Ich frage mich, wo diese Menschen jetzt sind. Die damals mitzuschunkeln sich nicht zu schade waren, die über die Kohlen gerannt sind und hinterher von einem Erweckungserlebnis gesprochen haben. Die tagsüber in omnipotenter Manier wie Kalif Storch herumstolziert sind und sich abends vermutlich doch oft verzweifelt ins Kissen geweint haben.

Wo sind die hin - mit all ihren Ideen, ihrer visionären Kraft, ihrer nicht versiegenden Zuversicht, dass man sich nur anstrengen müsse, damit man ein Ziel erreicht?

Es müssen andere Ziele gemeint gewesen sein damals. Ziele, die nicht direkt was mit dem Menschsein zu tun haben. Vom Wohl des anderen jedenfalls war nie die Rede. Aber das fällt einem jetzt erst so ungeschönt auf.

Und so ist vielleicht auch meine augenblickliche Verwunderung so groß. Die Verwunderung über Menschen, die sich als Anführer anderer aufgeführt haben. Und die jetzt so versagen mit ihrer Creativity.
Dabei wäre die doch jetzt gerade sehr gefragt! Bei Fragen, wie man Menschen menschenwürdig unterbringt zum Beispiel. Sie in der Noch-Fremde auf den Weg bringt und begleitet.
Wo sind die Ideen angesichts der überwältigend großen Zahl der Erwarteten? Wo ist deren „Marketing-by-Potemkin“-Zuversicht, dass man erst mal ein paar schöne Prospekte und Presseberichte mache und der Rest sich dann von selbst ergäbe?

Ich fordere eine Stellungnahme von all diesen Fuzzis. Oder zumindest das Bekenntnis, dass es gar nicht die Suggestivkraft ihrer Coaching-Lappen war, die sie in ihre jetzige Geistesumnachtung und Positionen gebracht hat, sondern vielleicht ihr ureigenes Talent, in der Klempner-Falte ihrer Vorgesetzten emporzuwachsen.

Sehen wir der Realität ins Auge: Von dort wird wohl wenig Konstruktives angesichts der augenblicklichen Lage kommen.

Wir müssen wohl auf andere, längst um hinterrücks umgelegte Coaches zurückgreifen. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Rosa Luxemburg?.

„Wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe?, schrieb diese im Jahr 1917 an ihre Schwester. „Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgestellt und sitze nun versteckt zwischen grünen Sträuchern. Rechts von mir die gelbe Zierjohannisbeere, die nach Gewürznelken duftet, links ein Ligusterstrauch …, und vor mir rauscht langsam mit ihren weißen Blättern die große, ernste und müde Silberpappel … Wie ist es schön, wie bin ich glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung – die volle üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch.“

Rosa Luxemburg war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren inhaftiert Die Belastungen des Gefangenenalltags, die Enge, das schlechte Essen, die fehlenden Nähe zu Familie und Freunden haben ihr die anrührend elementare Freude über den Sommer nicht nehmen können.

Sie hat uns gezeigt: So lange du nicht tot bist, kannst du verdammt gute Gedanken entwickeln.

Wir schafften allerlei, da bin ich sicher. Wenn wir nur wollten. Tschakka!