26. Okt, 2016

Halloween in West-Berlin

Während am frühen Morgen des Reformationstages - wir erinnern uns: das Halloween für Martin Luther – ganz Sachsen noch in Morpheus‘ oder Mandys Armen zu liegen pflegt, saß ich oft inmitten meiner kleinen  Pendler-Community beflissen im ICE von Leipzig nach Berlin, ready for take off, um in der Hauptstadt mein Tagwerk zu vollbringen. Für einen Berliner muss schon jemand anderes kommen als Luther, um ihn zu Feiertag und Amüsemang zu animieren.  „Lutta – wer warn dit?

Ich jedenfalls hatte beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und das elitäre Gefühl zu zelebrieren, an einem solchen Tag arbeiten zu dürfen. Vergleichbar in etwa mit der erhabenen innerlichen Haltung eines Joggers (das sind die ohne Stöcke), der sämtliche Automobilisten mit verachtendem Blicke straft, obschon diesen das wiederum vollkommen gleichgültig bleibt.

Ein bisschen auch wie das Gefühl beim Einkauf, wenn man in einem Anfall an Gutmenschentum eine bräunliche Papiertüte statt des schändlichen Kunststoff-Behältnisses erworben hat, dem erfahrungsgemäß noch vor Erreichen der heimischen Wohnungstür der Boden durchknallt und die zwei Kilo Tomaten auf drollige Weise im Straßenverkehr herumzukullern beginnen, sodass man schwitzend und rotköpfig – unter den höhnischen Blicken der plastikbetüteten Passanten - alles wieder aufsammeln muss.

Es ist schlichtweg im Leben ganz selten so wie in dieser bezaubernden Werbung der Achtziger, in der ein deutscher und dennoch sympathischer junger Mann irgendwo in einer pittoresken, klar als süditalienisches Städtchen zu erkennenden Urbanisation in einen riesigen mit Tomaten gefüllten Stapel an Kartons fährt, weil er der rassigen Dorfschönsten hinterher zu spechten wusste, die ihm wiegenden Ganges in einem Gässchen entschwindet.

Gespechtet wird hier im Abteil jetzt auch. Es ist nämlich gerade der Dorfschönste aus Wittenberg eingestiegen. Typ: Krawattenkasperl  mit modisch zurechtgeschmiertem Haupthaar, ein frisch gecoachtes und geduschtes Bürschchen. Auch technisch ist der Anzugträger prima ausgerüstet: In Windeseile hat er iPhone, Laptop und Zweithandy vor sich ausgebreitet wie auf einem Altar. Der Mann braucht diese Tools, wie er sie nennt, denn damit hat er etwas, wo er den ganzen Stuss, der unter seiner Schmiertolle lagert, hineinreden oder hineinhacken kann. Er fühlt  sich dann aktiv, der Mann. Nein besser – er fühlt sich proaktiv! Wenn man als Erwachsener nämlich proaktiv ist, lässt es sich um einiges leichter vergessen, dass man schon im Kindergarten bedeutungslos und in etwa so beliebt wie ein weiträumige Prostata-Abtastung gewesen war.

Wann hat das eigentlich begonnen, dass junge Männer nicht mehr arglos im Cabrio durch Sizilien zu pesen wussten, sondern mit einer elektronisch hochwertigen, kümmerlich aufgewerteten Erscheinung angefangen haben, die Kreise friedfertiger Zugreisender zu stören?

Der mitreisende Anzugfredi jedenfalls scheint einem größeren Geschlechtstrieb unterworfen zu sein als ein Angestellter der Odenwaldschule. Nur so ist es zu erklären, dass er in sich erhöhender Frequenz zu mir herüberzuglotzen beginnt - mit einem Augenaufschlag, den er vermutlich für Bruce-Willis-verdächtig hält, tatsächlich jedoch eher an den Blick einer zutraulichen Hirschkuh erinnert.

„Ah, sein Handy klingelt!“ Nun spricht es auch noch aus dem Mann! Leider genauso, wie es zu vermuten war: Das Temperament einer mit Valium vollgepumpten Weinbergschnecke erhält durch das Idiom eines sachsen-anhaltinischen Fachschulabsolventen Präsenz und erfüllt nun den Großraumwagen. Der Mann ist der lebende Beweis dafür, dass es nicht gut ist, als Opfer zu vieler teambildender Maßnahmen über zu viele glühende Kohlen gelaufen zu sein. Der Mann spricht, wie Hitler malte .

Es sagt zum Beispiel brainstormen und etwas mache Sinn, er gibt seinem Gesprächspartner eine Prognose, die er selber forecast nennt, weil er glaubt, dass dann die Voraussage präziser sei. Seine Mitarbeiter seien wichtige assets und überhaupt könne man vieles in (!) 20013 gar nicht mehr sagen ...

Zwischendurch rudert er wild mit den Armen, um einzelne Worte in Anführungsstrichelchen zu setzen. ‚Das passt’, denke ich, als ich bereits meine Jacke anziehe, der Mann ist auch noch ein Anführungsstricher. 

 Da Selbstüberschätzung und unangemessenes Verhalten sehr oft durch eine unsichtbare Nabelschnur miteinander verbunden zu sein scheinen, drückt der Mann mir beim Aussteigen verschwörerisch seine Visitenkarte in die Hand und murmelt heiser: Heute Abend Halloween in West-Berlin?“

Schlagfertig wie man zehn Minuten später immer ist, hätte ich ihm gern gesagt: „Mit Ihnen zu Halloween in West-Berlin? Ach danke, nein! Lieber hätte ich mich von Luther an der ... nein ... an die Schlosskirche nageln lassen!“