13. Dez, 2016

Noch ein Grund gegen Faschismus

Der dreizehnte Dezember scheint seit jeher ein Tag mit Schlüsselbedeutung zu sein. Allein die Tatsache, dass an diesem Tag zwei Dichter geboren worden sind, die sich in Kontakt-Anbahnungsbörsen nicht nur als Männer mit Herz, Hirn und Humor hätten anpreisen können, sondern dies auch noch göttlich zu Papier zu bringen vermochten, würde das sofortige Ausrufen einer frenetisch zu feiernden Heinrich-Heine-Robert-Gernhardt-Festwoche rechtfertigen.

Einiges gäbe ich darum, fiele mein eigener Geburtstag ebenfalls auf dieses Datum. Das hätte für meine bedauernswerte Mutter jedoch bedeutet, fast ein ganzes Jahr lang mit mir schwanger zu gehen und so lange hat es, dies sei hier eingeräumt, noch nie jemand mit mir ausgehalten.

Immerhin kann ich für einen 13. Dezember in den späten Eighties das fragwürdige Jubiläum meines Tanzstundenabschlussballes aufweisen. Jeder, der in seiner Jugend ähnliches durchlitten hat, wird wissen, dass man über eine solch geartete Umsetzung kinetischer Energie einer Hundertschaft Starkpubertierender im Festgewand später besser kein Wort mehr verliert, wenn man ein wenig Restmenschenwürde für sich beansprucht.

Viel beachtenswerter indes ist die ebenfalls auf den 13. Dezember fallende Jährung eines Phänomens, das mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten droht: der Geburtstag der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“.

Ernst Thälmann. Wir erinnern uns: Das war doch unser Teddy mit der Haudrauf-Mentalität, einst wirklich schwer angesagt, ein A-Promi der Zone gewissermaßen.

Der Thälmann-Hype scheint seit 1989 ein wenig verebbt. Kein Einzelschicksal - damals wurden bekanntlich viele fesche Herrschaften der Historie den Orkus des Vergessens hinabgeschickt. Es war keineswegs nur Goodbye-Lenin-Zeit, sondern es hieß auch Goodbye Thälmann, Goodbye Marx and Engels, Goodbye Makarenko, Goodbye Willy Bredel, Good bye kleiner Trompeter.

Zu meiner Schande sei an dieser Stelle anmerkend gestanden, dass ich lange Zeit geglaubt hatte, der kleine Trompeter sei ein Verfolgter des Nazi-Regimes gewesen, wenn auch einer der frühen Jahre, als man noch überlegte, wie man Ernst Röhm ein wenig am Entdecken der homosexuellen Subkultur hindern konnte und Adolf noch übellaunig an der eigenen Nichte herumzubaggern gedachte.

Ernst Thälmann war im Grunde eine Art vierschrötiger kommunistischer Haudegen aus Hamburg, der das Herz am richtigen Fleck hatte - nämlich links, und der auch sonst alles schätzte, was Männer seiner Couleur gern taten. Auch Bumsen und Besoffensein. Im Grunde sehr sympathisch.

Nur erfuhren wir damals davon nichts – ein grober Fehler, hätte dies doch unser Interesse um ein Tausendfaches erhöht.

Aus geradezu winzigen Verhältnissen stammend hatte sich Teddy schon in früher Jugend häufig im Hamburger Hafen herumgedrückt, war sogar einmal als Heizer bis nach Amerika mitgefahren und wusste bald darauf, ordentlich Stimmung beim Aufstand der Hamburger Hafenarbeiter zu machen.

Teddy, wie ihn die Arbeiter angeblich liebevoll zu nennen pflegten - und es auch uns wärmstens ans Herz gelegt wurde - hatte sich neben all seinem politischen Treiben auch eine Frau rekrutiert: Rosa. Mit Rosa war Teddy unverzüglich in die sozialistische Produktion eingestiegen und sah seinen Auftrag mit der Fabrizierung der gemeinsamen Tochter Irma als erfüllt an. Irma Thälmann. Oder besser: Irma Gabel-Thälmann.

Irma Gabel-Thälmann war nicht nur die einzige Frau der Deutschen Demokratischen Republik mit einem Doppelnamen, sondern auch der mit Abstand beliebteste Gast auf öffentlichen Ringelpietz-Veranstaltungen der Pioniere und Blauhemden. Sie war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten - die gleich Knollennase, die gleiche vierschrötige Gestalt. Sie war Teddy mit Dauerwelle, eine Art Lila-Laune-Bär der Arbeiterklasse - das war ihr Beruf, ihre Profession, und genau dafür liebte man sie.

 

Auch in meinem Leben hatte es eine Episode gegeben, in der ich voller Begehrlichkeit und Ungeduld einer Begegnung mit Irma harrte.

Mit zwölf hatte man mich einmal für geschlagene fünf Wochen aus meiner Thüringer Kleinstadt in ein Lager deportiert, das den offiziellen Namen Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ trug. Kurz umrissen handelte es sich dabei um eine Art organisierte Gehirnwäsche für ältere Kinder. Wie heute koppelte man Gehirnwäsche gern an Belobigungen und Auszeichnungen, damit die kleinen Fische bereitwilliger in da Mal der Haifische schwämmen. 

Von dem Tage an, als sich gusseiserne Tor des Kinderlagers nördlich von Berlin hinter mir geschlossen hatte, bereiteten wir uns wochenlang akribisch auf den Besuch Irma Gabel-Thälmanns vor, der uns für den Pioniergeburtstag – also den 13. Dezember – verhießen worden war. Beim Thälmann-Film konnten wir bald mitsprechen, mehrstündige Kulturprogramme wurden einstudiert. Täglich sangen und marschierten, steppten und tanzten wir bis unsere roten Halstücher ganz nass geschwitzt waren. Am D-Day saßen wir klopfenden Herzens in der Turnhalle – ready for the show to begin.

Allein – Irma kam nicht. Abgesagt, ohne Begründung.

Da merkte man, dass in ihrer Jugend die straffe Hand des Vaters gefehlt hatte, weil dieser in Buchenwald bekanntlich nicht nur dem Dekubitus entgegenzurotten hatte.

Ein Grund mehr, jede faschistoide Regung aus tiefstem Herzen zu verabscheuen.

Rot Front!