Kolumnen

24. Jun, 2017

„Haben Sie sonstige Flüssigkeiten dabei?“

Leider wird einem diese Frage nicht nur beim Ankommen auf Partys gestellt, sondern auch am Flughafen.

Wer sich dieser Tage dort tummelt, wird sich noch auf andere Lästigkeiten einstellen müssen: Es ist schließlich Ferienbeginn und damit eine hochfragile Zeit fürs deutsche Nervenkostüm.

Auf los geht’s eben los: In einer Anwandlung von Sandalis- und Stroh-Hutismus erscheint der Tourist, zur Erholung fest entschlossen, ausstaffiert bis Oberkante Unterlippe auf der Bildfläche. Nach einer harten Eingewöhnungsphase im Urlaubsland, in der er unter anderem lernen musste hinzunehmen, dass es einheimische Innen-Einrichter zu geben schien, die Hotelzimmer mit einem OFFENEN Sanitär-Bereich zu konzipieren beliebten, wird  er - von einer Baseballkappe gesheltert auf einer Mole stehen, den Horizont erspechten und sich doch selber im Gepäck haben. Aber für die Vorfreude direkt nach der Buchung  dafür hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt. Danach aber wird es stetig bergab gehen. Sommervorbereitende Lektüre von Zeitschriften zum Beispiel nährt den Vorwurf der tatsächlichen Existenz einer Lügenpresse: Immer wieder die selben Themen, die sich ums Sachgebiet Sommer ranken: "Urlaub in und mit Problemzonen", "Brillieren mit Grillgut und Erdbeertorte" und "Der Hautarzt empfiehlt: Mindestens Sonnenschutzfaktor 30 im Darkroom!" -  eine hochgradig  unergiebige Sache!

Spätestens wenn man weiß, dass perfide geschwindelt ist, dass sich "ein kleines Bäuchlein in einem Bikini NICHT kaschieren lässt" und dass man "mit auffälligen Mustern" nicht nur "den Oberkörper in den Fokus rückt“, ist man angekommen in der schönsten Zeit des Jahres. Wenn nur die lästigen Einheimischen am Urlaubsort nicht wären.

Natürlich gibt es noch den Urlauber ganz anderer Prägung – jenen, der sich ein halbes Jahr vor dem Verreisen im Internet getummelt und die jeweils gefährlichsten Regionen der Erde ausfindig gemacht hat. Aus einem unerfindlichen Grunde scheinen beim  fundamentalistischen Individualtouristen besonders jene exotischen Länder beliebt zu sein, die einen männlichen Artikel verlangen: Im Jemen, im Irak, im Tschad, im Hunsrück und im Vatikan  lässt es sich offenbar extra-individuelle  Urlaube genießen. Sein Zeltchen mindestens in einem  Schützengraben aufzustellen oder in 16er-Zimmern einer Jugendherberge in einem Dritte-Welt-Staat zu nächtigen -  das sind nur zwei seiner leichtesten Übungen. Das Gute an ihm: Er tritt selten in Hundertschaften auf (das liegt am Individuellsein)  und er bringt nicht selten interessante Krankheiten mit nach Europa, die den Tropenmediziner seines Vertrauens begeistert in die Hände klatschen lässt.

Besonders Fortgeschrittene lassen sich auch als Geisel einer aufrührerischen Bande ihres Ziellandes nehmen und kehren als Renate Wallert für Monate in die Schlagzeilen der heimischen Presse zurück, bis diese das Interesse an ihnen langsam ausschleichen. 

Echten Hardcore-Urlaubern aber reicht seltsamerweise schon ein Balkon zwischen prosperierenden Tomatengewächsen für die proaktive Erholung oder wenigstens: Ein Ort. Am Meer. Eine Kneipe. Eine Geschäft für das Nötigste: Melonen, Wein, Olivenbrot, Küchenrollen. Kein Getöse. Kein Bummbumm. Kein Plastik. So ein Ort eben, wo braungebrannte Aussteiger mit solchen sonnenhoniggelben Haaren leben, die im Sommer Schriftsteller sind und im Winter Alkoholiker.

Wie dem auch sei: Am Freitag haben in Sachsen die Sommerferien begonnen. Ziemlich früh in diesem Jahr und doch mit dem Wetter geradezu stimmig. Wer will sich schon bei 35 Grad selber perfektionieren ...?

Und ganz gleich, welchen Reise-Prototyp man selber so repräsentiert: Der Sommerferienbeginn kann ein zauberhafter Meilenstein sein. Er hat das Zeug dazu. Schon immer. In jedem Lebensalter.
War einem als Kind dann nicht immer so, als ob die tausendfachen Optionen, die das Leben für einen parat zu halten schien, sich nunmehr um ein Nochmaliges vertausendzufachen schienen? Was wird man erleben in den vor einem liegenden Wochen, wen wird man kennen lernen und wie sehr verändert würde man ins neue Schuljahr aufbrechen? Vielleicht sogar als Mensch ganz neuen Typus'? Man hatte das Gefühl, die Sommerwochen besäßen das Zeug, einen positiv zu verändern. Egal ob man bei Oma Ehrentraut im Thüringer Gräfinau-Angstedt sitzen würde oder an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

Das wäre doch in der Tat  mal ein Traumziel: aus einem Sommer positiv verändert rauszukommen.

Doch Vorsicht: Die Gefahr für einen heißen Herbst potenzierte sich erheblich.

3. Mai, 2017

„Hast du mal gesehen, wie die die Züge hinterlassen, aus denen sie rauskommen“

„Habe ich. Unmöglich! Und getürmt sollen außerdem noch welche sein, aus so einer Unterkunft .... Also, da läuft ja wohl einiges schief!“

„Das kann man wohl laut sagen! Da muss man doch mal ...“

Den Rest will ich schon nicht mehr hören.

Zwei Frauen Mitte fünfzig, adrett frisiert, Brille, Brosche und Bonita-Bluse, außen hui und innen Heidenau light, unterhalten sich in der Bahn über die Lage in Deutschland, über den Flüchtlingszustrom sowie die ganze vertrackte Lage und schnappen nicht einziges mal nach Luft, während sie in ihrer Selbstgerechtigkeit ertrinken.

Da muss man doch mal ... !“, hallt es in mir nach.

Tja, da muss man doch mal. Ich zum Beispiel „muss da mal“ an eine kleine Begebenheit im vergangenen Dezember denken, am Leipziger Hauptbahnhof, der in voller Weihnachtsmontur erstrahlte:

Ein kleines Mädchen übergibt sich in hohem Schwall auf die glatten Fliesen der unteren Bahnhofsebene. Die Mutter kümmert sich naturgemäß sofort um die Kleine, tröstet sie, wischt ihr den Mund sauber. Unterdessen rutscht ein unglücklicher Passant filmreif auf dem Erbrochenen aus. Steht wieder auf und blickt (auch naturgemäß) nicht sonderlich enthusiastisch um sich. Da geht das kleine, noch ganz grünliche Mädchen auf den Mann zu und entschuldigt sich zerknirscht und kleinlaut. Rührend geradezu.
Unterdessen jedoch bleibt eine Frau stehen und herrscht die Mutter des Mädchens im Ilse-Koch-Timbre an: "Also wissen Sie, da hätte man doch auch mal was sagen können ...!"

Sie sind überall: Diese „Da-hätte-man-doch“-Sager, diese „Da-müsste-man-doch-mal“-Forderer, die ständigen „Transparenz- und Ordnung-Haben-Wollenden“, diese nur aufmerksam Werdenden, wenn der Mitmensch sich anschickt, einen Fehler zu machen oder gar – also, nein! -  schon einen gemacht hat. Denen man diese Art Anstrengung leider schon von weitem ansieht, weil es tatsächlich schlichtweg anstrengend sein muss, aus jeder Spielplatzkeilerei ein Kapitalverbrechen zu machen..

Diese Spezies Mensch hinterlässt bei mir seit jeher eine riesige Ratlosigkeit.

Warum wirken die immer so, als hätten die alles im Griff? Warum merken die nie mit stockendem Herzen, dass sie gerade den roten Lieblingspullover in der hellen Wäsche mitwaschen? Warum glaubt man bei denen nie, dass sie sich jemals verliebt bis unter die Haarwurzeln mit dem Liebsten in einem Passbildautomaten herumgedrückt haben? Warum haben die nie einen Fleck auf der Bluse, nie einen Floh im Ohr, nie einen Flachmann hinter den "Brüdern Karamasov" ... ? Oder vielleicht doch?

Sicher. Diesen unangenehmen Typus gab es schon immer. Liegt in manchen eben so drin. Heute aber, in Zeiten des allerorten erschallenden Rufes nach Flexibilität und Pragmatismus angesichts des Flüchtlingsstroms, der sich aufgrund irrwitziger Machtgeilheit narzisstischer Weltenlenker, die unseren Oberaufpassern bedauerlicherweise nicht ganz so sehr in seinem innerlichen Schrebergärtchen zu stören scheinen, in Gang zu setzen wusste, muss der Berufsredliche besonders anachronistisch wirken.

Sich über Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften aufzuregen oder über die mangelnde Ordnung in den vollgestopften Zügen von Budapest und die vermeintliche oder tatsächlich vorhandene Undankbarkeit der Einreisenden zu bejammern, das grenzt schon an ein gehöriges Maß an Schlichtheit und Bauchnabelismus. Anders gesagt: Wer das eigene Lebenskonzept ungefiltert an das des Mitmenschen, gar an das von Flüchtlingen legt, der erwartet auch, dass der Stadtplan von Wurzen in New York City funktioniert.

Wenn das nur bescheuert wäre, ich regte mich kaum auf. Bescheuert sein allein ist nicht gegen das Gesetz. Aber die professionell Rechtschaffenen sind nervtötend, energiezehrend und – was das Schlimmste ist - leider gar nicht so selten.

Ich habe euch so satt, ihr Hilfssheriffs, ihr Bewerter, ihr Zurechtweiser, ihr selbstgerechten Immer-alles-richtig-Macher, Ihr Simpel-Seelen, Ihr Jeden-schönen-Gedanken-durch-Reglement-Knebelnden, Ihr mit der Insuffizientenverfügung, was Kopf und Herz angeht:

Legt doch den Finger mal wieder an den Vaddi oder sonst wohin, aber nicht ständig in die schwelenden Wunden des Mitmenschen. Euch wird schlecht ...? Soll mir recht sein.

Aber bitte allen Bescheid sagen und am besten schon vorher aufwischen!

Geht doch.

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Apr, 2017

Ey Alder, ich bin Shakespeare. Ich geh dann Bahnhof”. So hörte ich kürzlich einen jungen Mann in der Südvorstadt in sein mobiles Endgerät hineinsprechen.

Man muss weder Frauen- noch Bahnhofsversteher sein, um nachvollziehen zu können, warum ich lachen musste. Der Kontrast zwischen dem göttlichen William und dem Jungmann im knallroten Turnschuhwerk, der hier gerade vor mir herschlich, war einfach zu wunderbar. Natürlich muss hinzugefügt werden, dass es sich bei dem Aufgeschnappten um desaströses Kurzdeutsch handelte. Und ja klar, wir sollten besorgt über den Umgang mit der deutschen Sprache sein. Aber müssen wir das wirklich?

Ich glaube das nämlich nicht. Oder „nicht wirklich“, wie es heute so gerne heißt. 

Wie immer schafft Volksliedgut nicht nur gute Laune, sondern auch Entspannung. Auch in diesem Fall: „Lasst doch der Jugend, der Jugend, der Jugend ihren Lauf“, heißt es in einem dieser Songs  unbeschwert im Imperativ und man hat recht damit.

Leider ist festzustellen, dass das uns das noch immer nicht hundertprozentig gelingt. Trotz fortschreitendem dritten Jahrtausends, trotz wachsender Yoga- und Entspannungsindustrie.

Wenn man ganz genau hineinguckt ins deutsche Land, müsste man sogar sagen: Wir sind am Rande jedweder Entspannungsfähigkeit angekommen.

Besorgt gibt man sich nicht nur im Allgemeinen (Islamisierung der Gesellschaft, Überfremdung, Obergrenzertum etc.). Auch im Besonderen ist Platz für Ängste und Nöte: Die Sprache droht durch Kiez-, Kurz- oder Kanakdeutsch auseinander zu bersten wir ein edles Floß aus Teakholz auf dem Rhein, dessen Flößer der Loreley angesichtig  geworden war.

Zunächst ist hinlänglich bekannt: Jugend hat schon immer mit einer eigenen Sprache experimentiert. Abgrenzung von den Alten, Spaß an der Freude und Zugehörigkeit zur Gruppe - all das impliziert die eigene Version der Verständigung. Weiß man ja. Spätestens, wenn die Erwachsenen anfangen, Begrifflichkeiten oder Konstruktionen zu übernehmen, ist unterm Jungvolk längst etwas Neues en vogue.

 

Manche Wörter überleben. Manche nicht. „Prima“ galt in den 50ern als verwegen, heute wirkt es altbacken. Ist aber immer noch da. „Fete“, in den Achtzigern durchaus gebräuchlich, nicht zuletzt aufgrund charmanten französischen Jugendfilmguts, sagt heute kein Jugendlicher mehr. Verständnislose Blicke erntete ich neulich, als ich unter Dreizehnjährigen damit aufwartete. Man sah mich an, als käme ich vom Mond und nicht aus Thüringen. Wir sagen „feiern“ erklärten sie, manchmal noch „Party“. Aber eigentlich auch das nicht mehr so oft.

 

Hinzu kommt, dass man ja wohl nicht ernstlich glauben kann, dass sämtliche Migrationsbewegungen, die gerade stattfinden, ohne Einfluss auf unsere Sprache bleiben werden. Das wäre geradezu illusorisch. Wenn im Türkischen keine (oder kaum) Präpositionen gebraucht werden, könnte es auch ein Zeichen dafür sein, dass ein Leben ohne Präposition per se möglich ist, wenn auch für Deutschlehrer sinnlos.

 

Keine Frage: Jede Sprachveränderung schmerzt. Gerade wenn man seine Sprache liebt und sich lange mit deren Regeln auseinander setzen musste, um sie halbwegs anwenden zu können. Aber ist es nicht in Irrglaube, wir Sprecher seien für den Wandel der Sprache ganz alleine verantwortlich?

Sprachentwicklung führt ein geheimnisvolles Eigenleben, ist immer wieder für überraschende Tendenzen gut. Wir werden bereits in Gang gesetzte Veränderungsprozesse nicht beschlussartig aufhalten können. Nicht mal man selber ist dazu jederzeit imstande.  Warum auch?

Sprache bedient schließlich mehrere Funktionen, eben auch eine expressive: Als mir kürzlich ein Opel-Omega-Fahrer unangenehm auffällig wurde, dem meine Vorfahrt ins Ohr geflüstert zu haben schien: „Nimm mich!“, ertappte ich mich allen Ernstes beim Denken des folgenden Wortlauts: „Ey Alder, ich bin Hauptstraße!“  Das muss man sich mal reinziehen: „Ich bin Hauptstraße!“ Ich war entsetzt, über mich, mein Hauptstraßendasein und überhaupt.

 

Wer aber denkt sich in solchen Situation schon: „Interessant, dieser Verkehrsteilnehmer setzt sich offenbar gerade versehentlich über eine der wesentlichsten Regeln der STVO hinweg. Vielleicht ist es ratsam als Fahrradfahrer, in dieser Situation nicht übermäßig verbohrt auf seinem Recht zu beharren?“

 

Wir alle sind natural born Ökonomiker, was Sprache angeht. Und sollten möglicherweise alles zulassen, so lange wir Bewusstmachung betreiben und weiterhin Regelwissen vermitteln. Nicht krampfhaft bewahrend, sondern beobachtend und zuhörend. Wer Kinder beim Sprechenlernen begleitet, fragt sich zum Beispiel ohnehin irgendwann, ob sie wirklich falsch liegen, wenn sie (noch) nicht zwischen starken und schwachen Verben unterscheiden. Und ob es nicht sogar konsequent gedacht ist, wenn man analog zu „er spielte“ dann auch „er gehte“ sagt.

Vielleicht ist das bald die Norm. Und ich glaube nicht, dass DAS den Untergang des Abendlandes bedeuten würde. Der Mensch ist verständigungsinteressiert. Das liegt in seiner Natur. Ich habe vor allem deshalb keine Angst um die Sprache. 

Aller Sprachwandel ist normal, alles im Fluss. Und noch längst nicht im Arsch.

Ernst wird es erst dann, wenn es soweit ist, wie der folgende Witz illustriert: „Ey, kommste mit ALDI?“ „Du meinst: zu ALDI?“ „Was? ALDI schon zu?“

Denn dann, wenn ALDI zu hat, wird es für viele wirklich ernst.

So und jetzt können mich alle eingefleischten (oder veganen) Sprachbewahrer lynchen:

Macht misch doch Krankenhaus! Schulterzuck. Ich bin eh Hauptstraße. :-)

 

 

 

11. Mrz, 2017

Ohne Frage: Werbung fetzt. Erst kürzlich wurde ich auf einem Werbeplakat für eine Hosenfirma einer Anzeige angesichtig, die einen adrett ausstaffierten Mittfünziger ins Bild rückte.  Der smarte Mann zwinkerte dem Betrachter mit seinen attraktiven Fältchen um die Augen derart jovial zu, als wolle er sagen, dass er selbst seine Krähenfüße zur Pediküre trüge.

Den Schal hatte er modisch übereinanderdrapiert um den Hals geschlungen, wie es die Mode eben gerade erfordert und in den Händen balancierte er offenkundig belustigt-bemüht drei Pappbecher eines modernen Kaffeegetränkes. Die Bildunterschrift informierte den Leser, was der Mann angeblich dachte: „Ich liebe Herausforderungen!“

Bestürzt über die Banalität und vermeintliche Harmlosigkeit moderner männlicher Herausforderungen, wusste ich zwei Sekunden später jedoch, dass es der schöngemachte Mann tatsächlich nicht so leicht haben könnte.

Bei Lichte betrachtet, ist der Adam des  21. Jahrhunderts Inhaber eines eher beschissenen Los’: Er hat nicht nur den Vollzeitjob „Verbraucher“ am Hals, sondern - glaubt man nämlich einer relativ aktuellen ZEIT-Reportage - das, was robustere Gemüter gerne als „Arschkarte“ betiteln. Der Mann, so steht es dort schwer statistisch aufgeschrieben, hinke in fast allen Belangen ächzend der weiblichen Bevölkerung hinterher: Nicht nur, dass Obdachlosigkeit ein ausschließlich männliches Problem darstelle, auch Amokläufe würden lieber von Männern organisiert. Auch türme sich die männliche Suizidrate dreimal so hoch wie die der Frauen. Und selbst, wenn die Männer sich nicht selber ins Jenseits beförderten, gerieten sie im Schnitt fünf Jahre früher als die Damen zum Fall fürs örtliche Bestattungsunternehmen. Geschenkt fast, dass psychische Störungen bei Jungen angeblich achtmal so häufig auftreten wie bei Mädchen.  Da reicht ja meist ein Blick in zahlreiche Chefetagen hochdotierter Unternehmen.

Aber dass auf 100 männliche Schulabbrecher nur 88 Mädchen kämen, möchte man sich im umgekehrten Falle gar nicht vorstellen, ohne rot zu werden.

Fürwahr - es gab schon bessere Zeiten fürs Mannsein.  Kein Wunder, dass er dabei wach bleiben und nicht sich nicht mit irgendeinem Kaffee zufrieden geben will.

Das dunkle Heißgetränk hat – vergleicht man es mit der oftmals  zermürbenden Akquise  eines potentiellen Beischlaf- und Lebenspartners oder der schwierigen Auswahl des richtigen Klingeltons - einen klaren Vorteil. Es existiert eine deutliche Qualitätsrichtlinie wie ein guter Kaffee beschaffen zu sein hat. Klar deklariert es das arabische Sprichwort:

„Heiß wie die Küsse eines Mädchen am ersten Tag, süß wie die Nächte in ihren Armen und schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn sie es erfährt.“

 Aber das ist eigentlich schon ein bisschen sexistisch.

Deswegen kommt jetzt auch noch der frischverliebte Justizminister um die Ecke und will den Männern den letzten Lichtblick in ihrem ohnehin stark angedüsterten Dasein versauen. Heiko Maas missgönnt Deutschlands Mannen den freien Blick auf den werbenden Busen. Aber ist das tatsächlich so?

Besieht man sich den Vorstoß des eleganten Sozialdemokraten genauer, findet man noch gar nicht so furchtbar viel. Der Gesetzesentwurf ist nämlich noch gar nicht unters Volk gelassen worden. Man weiß so ungefähr, Maas wolle Werbung eindämmen, die Personen auf ihre Sexualität reduziert, Nacktheit übertrieben darstellt und keinen akzeptablen Zusammenhang darstellt zwischen Präsentation und Produkt.

So weit, so gut. Man muss sich fragen, was eigentlich verloren ginge, wenn die Bereitschaft zur Unterbodenwäsche des Kraftfahrzeugs nicht mehr von zwei Popobacken in Hotpants forciert würde. Einigen würde sicher was fehlen.

Bösartige Kolumnisten würden vielleicht behaupten, wer schon selber keinen Arsch in der Hose hat, der wolle wenigstens einen anderen sehen. Aber das ist zu eng gedacht.

Gehen wir mal von der folgenden Prämisse aus:

Viele Menschen reagieren irgendwie auf optische Reize, Männer vermutlich stärker als Frauen.

Sie erfreuen sich an gut gewachsener Anatomie, wollen Holz vor der Hütte sehen, irgendwelche Kurven, viele wollens rund, andere eher eckig. Die Urtriebe lassen sich auch im Zeitalter von SANIFER, Helm-Fetischismus, EU-Gurkenrichtlinien und linguistischem Genderzirkus nicht recht zurückdrängen. Warum auch?

Die Frage ist allerdings: In welchem Maße sollte man dies ständig in den Fokus der Öffentlichkeit rücken? Die Leute denken doch ohnehin an Sex, viele gehen sogar soweit, ihn selbständig und ohne staatliche Hilfestellung zu praktizieren  – unerschrocken und mit einem gewissen anhaltenden Amüsemang.

Vielleicht wollen wir das nur ganz gern rumzeigen. Soll die ständige Präsenz von entblößten Extremitäten eventuell nur beweisen, wie offen und wie wenig bigott wir durch die Welt gehen? Wie wir die Prüderie der vergangenen Jahrhunderte aufs Lässigste abgeworfen haben, lachend darüber, dass es Zeiten gab, in denen sogar Stuhlbeine verhüllt werden mussten?

Bei allem Verständnis darüber, dass eine weitere Reglementierung, ein weiteres Verbot  offenbar vielen gerade besonders bitter aufzustoßen scheint: Aber ist der stets präsente public Busen tatsächlich ein Zeichen von besonderer Aufgeklärt- und Offenheit oder gar  Zeugnis ausgeprägter Phantasie einer Gesellschaft? Ein Beweis dafür, dass wir wenigstens das so richtig drauf haben? Eher nicht, oder?

Wenn wir das Recht auf kontinuierlichen Zugang zu nacktem Bildmaterial außerhalb der eigenen vier Wände als Freiheit bezeichnen, dann ist es ein bisschen wenig Rest-Freiheit. 

Traurig, aber wahr: Wir hätten in diesem Punkte schon ein bisschen eher aufschreien müssen und nicht erst jetzt, wenn uns Heiko Maas eventuell die Brustwarzen überkleben will. Falls er das überhaupt will.

Hätten wir nicht längst laut aufschreiben müssen gegen das bescheuerte Rauchergesetz, GEZ und die Wildecker Herzbuben? Hätten wir nicht längst gegen den Wahnsinn der Existenz von 176 Krankenkassen protestieren müssen? Gegen das Brauchtum der Finanz-Elite, in der Unübersichtlichkeit unseres Systems ihr Vermögen lässig, still und leise den öffentlichen Bahnen zu entziehen?

Nein, den Busen lassen wir uns nicht auch noch verbieten. Den Busen nicht und auch die Fröhlichkeit. Die gute Laune muss der Mensch behüten. Ein Busen heißt doch nur ein bisschen Freud. Und ja, kein Zweifel, „ein bisschen Schinderassassa und Bums-Faldera gehörte doch schon allezeit zum Leben“, sehr einverstanden damit! Aber wenn man pausenlos damit konfrontiert wird, kann es durchaus passieren, dass einige a.) davon außerordentlich gelangweilt sind, b.) andere wiederum davon außerordentlich animiert und c.) die meisten gar nicht umhin können, als ihre Sehgewohnheiten daran zu entwickeln.


Das muss man dann aber auch weiterhin hinnehmen. Mit allen Begleiterscheinungen, die eben doch dranhängen.

Erneut sehen wir einzig mit ziemlicher Sicherheit:

Männer und Frauen können einander getrost noch auf viele weitere Kaffees nach oben bitten, um sich gemeinsamen Herausforderungen zu stellen. Ob mit Milch, Zucker und Zuneigung kann kein Gesetz vorschreiben. Schön wäre es, wenn wir all das ohne hinkriegten.

Weil wir einfach gut sind.

 

 

 

 

 

 

25. Jan, 2017

„Cis-Frau sucht Offline-Vergnügung ohne vorheriges Awareness-Training.“ So oder so ähnlich könnten bald Annoncen aussehen.

Denn seit ein paar Tagen bin ich schon wieder klüger: Ich lernte, ich sei eine mehrheitsdeutsche cis-Frau und dürfe deshalb im Grunde gar nicht mitreden beim Thema „Tatsächliche oder eventuell in Teilen herbeigeredete Ausgrenzung von Transmenschen und PoCs.“

Wer bei  PoCs allerdings glaubt, es handele sich hierbei um all die niedlichen Pokémons, die vor einigen Monaten überall gefunden werden wollten, um die überrascht wirkende Smartphone-Jugend auf die Existenz einer Welt jenseits des Bildschirms hinzuweisen, ist gehörig auf dem Holzweg:

Unter PoCs versteht man Menschen mit Rassismuserfahrungen aufgrund äußerlicher Eigenschaften, wie die Handreichung des Leipziger Student_InnenRates der Universität Leipzig unter anderem erklärt. Die aus verschiedenen Gründen recht sperrig zu lesende Artikelsammlung macht mit Hinweisen auf die absolute Nichtakzeptabilität von Männerballett und Indianerverkleidungen auf ein schwelendes Problem aufmerksam: stoisch beliebte rassistische, sexistische und transfeindliche Kostüme auf studentischen Faschingsveranstaltungen .

 

Ganz ehrlich: Ich wusste bisher gar nichts von dieser prekären Sachlage beim Studentenfasching. Das mag vor allem auch daran liegen, dass an mir kein großer Karnevalist verloren gegangen ist, nicht einmal ein Funkenmariechen. Aber ein paar Erfahrungen wussten sich über die Jahre natürlich einzustellen. Man war ja auch einmal Student. Und weiß Gott nicht immer studierend. Auch heute wird es wohl so sein, dass die meisten Studenten die geringste Zeit des Tages als Studierende zu bezeichnen wären, sondern viel mehr als Feiernde, VögelndeFrühstücksfernsehende, Schlafende, Herumschwafelnde, WG-Küchen-nicht-Putzende oder als Kühlschranke-in Fußgängerzonen-unwürdig-Geld-Verdienende. Darauf verwette ich mindestens zehn Beutel Studierendenfutter.

 

Aber zurück ins Kostüm-Getümmel: Ich habe Karnevalsutensilien aller Couleur gesehen, aller Kunststofflichkeit, alle Höhen und Tiefen der Ästhetik auslotend, alle Facetten der Gesetze der Harmonie knapp verfehlend. Wenn ich das Wort „Fasching“ nur höre, wird vor meinem inneren Auge umgehend getanzt: frenetisch feiernde, enthemmte Menschen, Frauen, die fast ausschließlich eine Netzstrumpfhose tragen, darüber jedoch keineswegs unglücklich aussehende Männer mit Polizeimützen, die sich selbstbewusst Cop nennen, weil das besser als Reviervorsteher klingt, kreischende Sachbearbeiterinnen beiderlei Geschlechts mit Kunsthaar in Farben, bei denen man Ray Charles das erste Mal nicht ausschließlich sein Gesangstalent zu neiden beginnt, Prinzessinnen, die gerade mit schrill-lila Federboas einen Cowboy einfangen, umzingelt von einem Hausfrauen-Reigen mit Kätzchen-Ohren und Leggings. 

 

Man merkt vielleicht: Meine Freude am Karneval ist nur wenig größer als Andorra. Ich bin eben nicht in Köln oder in Mainz aufgewachsen, wo man schon soziale Unruhen riskiert, wenn man am Rosenmontag jemanden telefonisch zu erreichen sucht.

In Leipzig versteht sich das Faschingsfest eben vor allem in der Tradition studentischen Ringelpiezes mit Anfassen, dessen beliebt-legendärer Kulminationspunkt immer noch als „DHfK-Fasching“ gefeiert wird. Generationen von Leipzigern sollen dort ihre Zukünftige(n) gefunden haben. Oder losgekriegt. Je nach Schicksal.

 

Trotzdem gönne ich einem jeden von Herzen die Freude an der Maskerade. Besitzt sie doch Geschichte und vielerlei Sinn – selbst dann, wenn sie in so pragmatisch hemdsärmeliger Ausprägung daherkommt wie im Faschingstreiben. Überbordender Enthusiasmus am karnevalesken Verkleidungszwang ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber allemal besser, als bedrängten sich im Spätwinter Hundertschaften von Menschen mit langwierigen Schilderungen über ihre letzte depressive Episode. Dann doch lieber Maskenfest.

Die Freude an der Maskerade hat schließlich auch etwas bestrickend Kindliches. Kinder haben meist unbändigen Drang, sich zu verkleiden, um in ihren Phantasiewelten ganz authentisch zu sein. Und sie tun es auch – jederzeit, wenn ihnen danach ist. „Heute will ich mal als Cowboy gehen, Mami!“, teilt einem das Kind an einem Hochsommermorgen mit und ist schon mit Fransenweste und Hut aus der Tür. Mein Neffe erschien übrigens ein Jahr lang im Kindergarten jeden Morgen mit einem Bobbyhelm.

Wenn wir jedoch als Erwachsene mit solcherlei Gewohnheiten aufwarteten, liefen wir Gefahr, als sehr exaltiert zu gelten. Wahrscheinlicher noch: Man riete uns zu Medikation.

Neben dem Steuererklärungszwang ein weiterer betrüblicher Aspekt des Erwachsenseins: Selbst so etwas wie die offenbar eng zum Menschsein gehörende Maskerade muss ritualisiert ablaufen. In unserer westlichen Welt bleibt letztlich nur der Karneval oder der Maskenball dafür vorbehalten.

Jetzt dafür allerdings auch noch Regeln zu schaffen, die den Charakter des Festes – „Heute ist die Welt auf den Kopp gestellt“ - per se unterliefen, halte ich allerdings für wenig weise.

Man solle schon Kinder nicht mehr als Indianer verkleiden, vor allem nicht, wenn man sein Wissen über die „Native Americans“ ausschließlich aus Büchern oder Filmen bezogen habe, die diese nicht selbst geschrieben hätten, heißt es zum Beispiel in der STURA-Anweisung. Auch wenn dies in der Konsequenz hieße, nur noch Bücher über den Weltraum lesen zu dürfen, die ausschließlich von Außerirdischen verfasst wurden.

Generationen, die sich durch Karl-May-Romane geschrotet haben  oder sich zu Weihnachten selig durch Winnetou 1, 2 und 3 gefuttert, haben sich also arg- aber nicht schuldlos ständig auf rassistische Stereotype eingelassen. Millionen von Frauen, die heimlich in den Apachenhäuptling mit französischem Migrationshintergrund verliebt gewesen waren, gaben später beschämt ausschließlich äußerliche Merkmale wie Grübchen am Kinn oder im Winde flatterndes schwarzes Haupthaar an. Verliebt in einen falschen PoC quasi.

Kein Wunder, dass mit der Nachstellung dieses unwürdigen Phantasiezeugs mit Federschmuck und Co. in Literatur und Film jetzt wirklich ein für allemal Schluss sein soll. Vor allem an Karneval.

Man solle lieber als Superheldin oder Polizist gehen, heißt eine Alternative im Manual.

Praktisch. Dann kann ein eventuell doch vorkommender Kostümverstoß gleich vor Ort geahndet werden. Und auf der Damentoilette wird der Verkehr endlich politisch korrekt geregelt.

Heute Nacht träume ich vermutlich von einem Männerballett von Lokführer-innen, die hintenrum nur die Transsib verhöhnen wollen. Oder von einem Herrn, der als Agierender 007 verkleidet ungerührt Damen durchschüttelt.

Ich weiß. Ich als cis-Frau mit mehrheitsdeutschem Hintergrund, die überdies schlicht sexuell veranlagt ist und sogar Männern verzeiht, dass diese statt fürs echte Halbblut Apanatschi dann eigentlich nur für Uschi Glas schwärmten, darf nicht urteilen, was lustig ist und was nicht.

 

Aber ein wenig verletzt mich das schon.

 

Alaaf!