31. Jan, 2016

Mahlzeit!

Vor einigen Jahren versuchte die DUDEN-Redaktion im Verbund mit dem Getränkehersteller LIPTON in gespielter Verzweiflung das Antonym für das Adjektiv "durstig" zu finden und bewies damit auf eindrucksvolle Weise wie Sprachentwicklung nicht funktioniert. Das in der Ausschreibung ermittelte Wort "sitt" sollte sich bald innerhalb der Sprechergemeinschaft der Deutschen als das erweisen, was die Einführung der Mercedes A-Klasse für die Automobilindustrie gewesen war – als fulminanter Rohrkrepierer.

Gottseidank, möchte man meinen. Weitere Adaptoren-Wettbewerbe zum Finden eines Wortes zum Beispiel, das die Angst vor Bierknappheit verkörpern solle, wären uns sonst vermutlich nicht erspart geblieben. Offensichtlich funktioniert es bei sprachlichen Konventionen doch ganz passabel, der populistischen Aufforderung „Mut zur Lücke!“ nachzukommen. Besteht denn tatsächlich Grund, sich auf den durchaus reich bestellten Feldern unserer Muttersprache aufzuführen wie ein Sexualstraftäter auf Freigang, dem – wann immer sich irgend eine Leerstelle vor ihm auftut – nur grunzend einfällt: Lücke füllen, Lücke füllen ...? Anschaulich zeigt dies auch der miefig-misslungenste Versuch einer Lückenfüllerei innerhalb unserer Grußformellandschaft. Es kann nur Unvermögen und grobes Desinteresse an sprachlichem Wohlklang gewesen sein, wenn man sich aufgrund eines in der deutschen Sprache nicht gängigen „Guten Mittag“ das kantineske Mahlzeit ausbedungen hat. Mahlzeit! - das klingt wie: „Da hast du es!“ Wie „Gott sei Dank, Vormittag schon vorbei!“ Wie „Essen fassen!“ Wer Mahlzeit sagt, der isst auch Sättigungsbeilagen. Der hat auch keine LIAISON, sondern eine BEZIEHUNG, der träumt auch vom GESCHLECHTSVERKEHR und MACHT Liebe: „Mahlzeit, Schatz. Und häng deine Sachen noch schnell auf den Bügel.“

Dabei werden die meisten Mahlzeiten meines Erachtens stark überschätzt. Die Henkersmahlzeit, die wohl perverseste Form eines kulinarischen Versuches z.B. gehört dazu. Naturgemäß richtet sie im Normalfall nicht mehr viel Schaden an. Vitaminreich muss sie nicht mehr sein. Abwaschen muss man auch nicht mehr. Ein Essen aber, von dem einem nicht mehr schlecht werden kann, kann unmöglich Freude machen. Trotzdem würde es mich nicht wundern, wenn im amerikanischen Süden Illustrierte im Umlauf wären, die kalorienreduzierte Henkersmahlzeiten präsentieren, denn, hey, das letzte Hemd ist schmal geschnitten! Auch das Weihnachtsessen mit dem Chef ist meist doch nichts anderes als ein rutschiges Parkett zum peinlichen verbalen Ausgleiten und die Möglichkeit für angeschickerte Sachbearbeiterinnen, endlich mal vom Vertriebsleiter im auberginefarbenen Zweireiher ordentlich getackert zu werden.

Apropos Weihnachten: Im Grunde wirken Mahlzeiten, die irgendwie ein Ritual des Wartens zu unterstreichen scheinen, recht sympathisch. Obwohl sich das am niedersten Glied der alkoholischen Nahrungskette nicht recht zeigen will dem Glühwein - einem Gesöff, das einen am nächsten Morgen mit einem gefühlt fünf Kilo schweren Hirntumor aufwachen lässt. Vielleicht tröstet es ein wenig, dass wir offensichtlich nicht allein mit dieser Vorliebe auf der Welt zu sein scheinen. Etwa 40 Millionen Liter Glühwein sollen die Deutschen angeblich alljährlich im Advent verkonsumieren. Ich traue Statistiken selten über den Weg, doch dieser bin ich gewillt, blind zu glauben. Spätestens Ende Oktober ist es doch soweit. Die Weihnachtsmarktbetreiber scharren mit den Hufen und scheinen symbolischen Schaum vor dem Munde zu haben. Wie ein brünstiges Gorilla-Männchen, das man mit Gewalt zurückhalten muss, bis ihm die Türe zum Weibchen aufgemacht wird. Eine Minute nach Mitternacht am Totensonntag strömen sie aus geheimen Parallelwelten herbei: die Glühwein-Enthusiasten aller Geschlechter, Parteizugehörigkeiten und Altersklassen. Am Glühweinstand sind schließlich alle gleich: ob Chef oder Chef-Sekretärin, ob Impfgegner, Sozialdemokrat, Eigen-Urin-Therapie-Begeisterte, Chorsängerinnen, Nagelstudiobetreiberinnen, Bahncard-Inhaber, Kleingarten-Vereinsvorsitzer, Quotenprofessorin oder KFZ-Mechatroniker a.D. Hier ist man ganz Schluckspecht, hier darf man es sein. Und wann gibt es schon eine charmantere Legitimation zum Komasaufen nach Büroschluss als zur Adventszeit? Auf ganzer Linie überflüssigen Ruhm jedoch heimst erfahrungsgemäß das Frühstück am Morgen danach ein. Meinethalben mag es ein paar spärliche gelungene Beispiele geben, bei denen es mit der anatomischen Komparatistik am Vorabend ganz gut gelaufen ist und man auch noch im hormonell beruhigten Zustand, fröhlichen Gemüts von den körperlichen zu eher kulinarischen Genüssen hinüberschwelgt.

Seien wir aber ehrlich: Meistens ist dies NICHT der Fall. Am widerlichsten aber ist die Erfindung des Brunches. Der Brunch ist die SA unter den Mahlzeiten, der mahlzeitgewordene Inbegriff des Unwohlseins. Um späten Vormittag irgendwo mit der ganzen Mischpoke dort aufzutauchen, wo schon andere Leute herumöden, mit hochgepuschten Kindern, die Jette und Ruben-Eduard heißen. Menschen, deren Methode, die Welt zu begreifen ein Doppelklick ist, die sich geplante oder vergangene Snowboard-Urlaube, Fengshui für den Carport, Rafting-Erlbenisse, die neusete App für den beutellosen Staubsauger, Afterworkparty-Exzesse, Yoga-Kurs-Bekanntschaften oder Nahtoderfahrungen um die Ohren knallen, während man zum fünften Mal zu einem Gemeinschaftsmarmeladen-Pott und dem Rührei-Rechaud zum Tresen schreitet, denn all-you-can-eat ist keine Option, das ist innere Verpflichtung, auch wenn die Bauch-Aorta beinahe platzt, und das alles auch noch bei künstlichem Deckenlicht während draußen ein blassgelben Mittagslicht vom Himmel ejakuliert, dann will ich rennen. Ganz schnell und ganz weit weg. Und den entsetzlich grauen Schleier der Einsamkeit von mir reißen, der sich in solch Atmosphäre über mich legt. Brunch macht mich nicht satt. Er macht mich sitt. Mahlzeit!