3. Mai, 2016

Du brauchst es doch auch! - Ein Text unter und über Adrenalin

 

Halten Sie sich manchmal für einen modernen Menschen? Ich mich schon:

Ich besitze ein Smartphone, zwei Dutzend Chipkarten im Portemonnaie und eine 3D-Double-Extension-Mega-Lash-Waterproof-Mascara im Make-up-Täschchen. Ich durchschaue den Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn und habe sogar erfolgreich Online-Banking ausprobiert. Trotzdem sehne ich mich regelmäßig nach dem Mammut. Oder dem Höhlenbären, der unvermutet nach einem aus einem Gebüsch grabscht, und vor dem man dann entsetzt die Flucht ergreift, weil man sonst allzu schnell unter Andrea-Bocelli-Klängen zum letzten Mal irgendwo hingetragen werden würde.

Mein Mammut ist aber keines mehr, sondern heißt Aufschieberitis.

Ich will das gern erklären: Mein Pünktlichkeitsverständnis zum Beispiel rangiert ungefähr in der Mitte von dem eines freundlichen Schweizer Behördenangestellten und dem eines 19jährigen Kibbuzeinwohners. Das heißt mit meinem Erscheinen kann frühestens zum offiziellen Beginn einer Veranstaltung gerechnet werden.

Nicht weil ich dem Mitmenschen von meiner potentiellen Wichtigkeit zu überzeugen trachte, sondern weil ich grundsätzlich erst kurz vor der Angst diesen lebensrettenden Wunderstoff auszuschütten pflege, der mich handlungsfähig macht. Oft stehe ich schon vier Uhr auf, um Punkt acht irgendwo zu sein, aber es hilft nichts. Ich könnte auch um 3 Uhr aufstehen, das Ergebnis bliebe gleich.

Allein bin ich mit diesem Problem nicht, denn wir scheinen ihn einfach zu brauchen - diesen Thrill, der innerhalb kürzester Zeit unseren Körper mit einem Cocktail aus Stresshormonen flutet, zu dessen populärsten Zutaten wohl das Adrenalin gehört. Wenn das  Herz schneller zu schlagen beginnt, der Blutdruck steigt und die Atmung rascher wird. Wenn das Reaktionsvermögen auf einen Spitzenwert schnellt , die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit des Körpers für eine kurze Zeitspanne in schwindelerregende Höhe geschraubt.

Adrenalin ist schlichtweg unser Lebensretter. Und das wollen wir offensichtlich nicht nur in der Notfallmedizin.  Ganz so einfach aber kommen wir nicht mehr ran, seit die Mammuts Ade gesagt haben und Feinde uns vorrangig als Nieten in Nadelstreifen auf  weitaus subtilere Weise an die Gurgel wollen. Da heißt es kreativ sein beim Generieren des Kicks – mit der Zehnerkarte für die Achterbahn, einem Firmenjubiläum mit Wildwasserrafting oder dem Samstagabend beim Musikantenstadl. Der moderne Mensch kann und mag den Nahtoderfahrungen nicht abschwören. Oder schafft sich eben die Substitution im Alltag, in dem er ständig auf den letzten Drücker unterwegs ist.

 

Das gilt natürlich nicht für die Schweiz. Zuspätkommen und Gehetzten-Blickes-durch-Gegend-Laufen ist bekanntlich die Sache des Eidgenossen nicht.

Friedlich wie ein Ölzweig scheint er auf verkehrsberuhigten Lebenslinien seine Biographie zu absolvieren. Adrenalinsucht peinigt ihn jenseits seiner Berge in keiner Weise. Aber auch der Eidgenosse hat Gefühle. Man sieht es ihm nicht an, sonst er wäre er ja Franzose, aber Stresssituationen, die kennt auch er.

Nur kommt der Schweizer ausschließlich dann in Fahrt, wenn es um seine Prinzipien geht. Und die sieht er unmittelbar ab jenem Zeitpunkt bedroht, in dem er vor seine Wohnungstür tritt. Natürlich tritt er nicht so ohne weiteres vor die Tür. Vorher muss er ganz sicher sein, dass er alle Namen der Nachbarn auswendig kennt. Einen Nachbarn zu grüßen, ohne diesen mit Namen anzureden? NIEMALS! Lieber bleibt der Schweizer in seiner Behausung und verlangsamt. Fürchterliche Geschichten gehen um von Schweizer Senioren, die irgendwann unter dem Türrahmen hervorgesuppt sind, weil sie sich aufgrund ihres nachlassenden Gedächtnisses nicht mehr unter Leute gewagt haben.

Jene aber, die es schaffen und sich frei in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Waschküchen bewegen, haben eine Mission: die Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick. Wenn es zum Beispiel einer wagt, in einer halbleeren Tram einen Zweitsitz mit seiner Tasche zu belegen oder seine Wäsche zu waschen, ohne sich wochenlang vorher um einen Listenplatz zu bewerben, dann erlebt man den Eidgenossen at his best. Das ist geradezu herzerwärmend und absurder Weise – beruhigend!

 

Denn schon Erich Kästner wusste, dass wir „bei Lichte betrachtet“ doch immer die „alten Affen“ bleiben. Oder den Steinzeitmenschen ins uns noch immer nicht abschütteln können. Wir sind nur an unterschiedlichen Stellen nervenkitzlig.

 

Deshalb muss diese Kolumne jetzt schnellstens zum Redaktor! ;-)

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 (Erschienen im Juli 2015 NEUBADMagazin Basel, CH)