3. Jun, 2016

Liebesbriefe ohne ß

„Man soll sein Herz nicht an die Dinge hängen“, pflegt die Großmutter in mir, die ich gern einmal werden würde, immer zu sagen, wenn ich mich an schlechten Tagen beruhigen will, weil ich noch immer keine Eigentumswohnung mein Eigen nenne, während ehemalige Schulkameraden schon vor Jahrzehnten das Dachgeschoss bei der Schwiegermutter auszubauen wussten und inzwischen mindestens auf eine Doppelhaushälfte mit Vorgarten in Dortmund-Nord oder im schönen Eisenhüttenstadt verweisen können.

Trotz dieses großmütterlichen Imperativs neigen wir Menschen offenbar doch unvernünftiger Weise dazu, unser Herz an die sonderbarsten  Dinge zu hängen: an exorbitant hohes Schuhwerk zum Beispiel - sofern man eine Dame ist, oder an glänzende Bling-Bling-Felgen – wenn es den Herren betrifft, genderübergreifend häuft die Menschheit Swarowski-Kristalle, Immobilien, den Inhalt von Überraschungs-Eiern oder Schneegestöber zum Schütteln an.

Weniger vorstellbar hingegen galt lange Jahrhunderte der hingebungsvolle Bewahrungswille einzelner Buchstaben. Warum auch? Das unauffällig von Generation zu Generation weitergereichte Alphabet hatte der Menschheit nur selten Anlass zu Kritik und Nörgelei gegeben.

Erst 1998, als die Rechtschreibreform über Deutschland hinwegrollte wie Ottfried Fischer über seine gekauften Mädchen, und eine bis zu diesem Zeitpunkt halbwegs geradeaus schreibende Gesellschaft in den unsicheren Trümmern orthographischer Rest-Kenntnis zurückließ, trat etwas zutage, womit keiner gerechnet hatte: Die Liebe der deutschen Bevölkerung zum eszett. Es war unglaublich, wie hitzig die Diskussion in Familien, Büros, in der Presse und an Stammtischen geführt wurde. Es schien geradezu, als fühle man sich mittels einer Revolution von oben eines Stückchens deutscher Identität beraubt. Abermals trat deutlich zutage: Immer erst wenn jemand abhaut, merkt man, was man an ihm hatte.

Nur einige wenige Eingeweihte schienen zu wissen, dass es das eszett noch gab. Es hatte seinen Radius nur verkleinert, so wie es ein alter Mensch bei seinem letzten Umzug  - dem ins Altersheim -  zu tun pflegt. So lebt es ein einsames Dasein und kommt nurmehr zum Einsatz, wenn ihm ein langer Vokal vorher die Stange hält. Es lebe das eszett in „Maßen“, nicht in „Massen“, wie es geradezu irreführend in der Schweiz heißen würde. Wenn ein Mensch „Buße“ tut, dann sind es seltener die „Busse“, die ihm dafür Raum geben. Und auch wenn der „Ruß“ aus dem Kamin gekehrt wird, ist man in Deutschland sicherer, dass es kein besoffener Russ ist, dem dann die Entsorgung im Züri-Sack droht.

Insofern ist das spurenhafte Verbleiben des Eszetts eine der wenigen vernünftigen Regelungen der Rechtschreibreform.

Warum nun allerdings in der Schweiz,  im Land der reinen Vernunft ein so vernünftiges Reglement nicht greift, dafür gibt es zwar eine offizielle Erklärung, die jedoch bei Lichte betrachtet nur ein  Ammenmärchen und Futter für die Presse ist. Die Wahrheit ist, dass der liebe Gott wusste, was er tat.

Der Schweizer, dem das Konservieren uralter Zustände seit jeher am Herzen liegt, hätte es nämlich nicht wieder hergegeben. Der helvetische Sinn für Ordnung, Gerechtigkeit und Tradition hätte es nicht zugelassen, den Menschen unvermittelt einen Buchstaben zu nehmen, an den sie sich gewöhnt haben.

 

Man sieht es ihm oft nicht an, doch auch der Schweizer hat Gefühle.

Es ist ihm aber verboten, diese im Alltag auszuleben, und deshalb  schreibt er auch keine Liebesbriefe und schon gar keine mit eszett, das bekanntlich manchmal scharfes „s“ genannt wird.

(Der Schweizer und etwas Scharfes – das schließt sich gegenseitig aus!)

Nein. Der Schweizer schreit seine Gefühle am liebsten in Leserbriefen heraus. Nur dort kann er seine seit seiner Kindheit arg gequälte Seele am wirkungsvollsten befreien.

Überhaupt - die Kindheit des Schweizers: Eine harte, klar strukturierte zuckerfreie Zeit liegt hinter ihm, in der nur einige wenige Mußestunden auf Skiern und der hundertfachen Lektüre des Schellenurslis für ihn vorgesehen waren.

Die Leserbriefe sind deshalb natürlich keine Liebesbriefe. Dem Schweizer geht es immer nur um das Wesentliche, und das ist ihm nicht die Liebe, sonst wäre er ja Franzose.

Der Eidgenosse kommt ausschließlich dann in Fahrt, wenn es um seine Prinzipien geht. Und die sieht er unmittelbar ab jenem Zeitpunkt bedroht, in dem er vor seine Wohnungstür tritt. Der Schweizer tritt aber nicht so ohne weiteres vor die Tür. Vorher muss er ganz sicher sein, dass er alle Namen der Nachbarn auswendig kennt. Einen Nachbarn zu grüßen, ohne diese mit Namen anzureden? NIEMALS! Lieber bleibt der Schweizer in seiner Behausung und verlangsamt. Fürchterliche Geschichten gehen um, von Schweizer Senioren, die irgendwann unter dem Türrahmen hervorgesuppt sind, weil sie sich aufgrund ihres nachlassenden Gedächtnisses nicht mehr unter Leute gewagt haben.

 

Wehe aber, die Alten sind noch rüstig und in der Öffentlichkeit zugange! Dann haben sie eine Mission und die heißt, jeden zu verzeigen, der sich nicht an die guten Schweizer Sitten hält. Wehe, einer wagt es, in einer halbleeren Tram einen Zweitsitz mit seiner Tasche zu belegen -  eine furchterregende, komplett unverständliche - da mundartliche - Schimpftirade wird über ihm ausgeschüttet werden! Dann bloß nichts erwidern, denn wenn man sich dann noch als deutscher Migrant zu outen wagt, bringt man leicht alle weiteren Passagiere gegen sich auf.  Das kann gefährlich werden.

Nicht so gefährlich allerdings wie das Ausgleiten innerhalb der rutschigsten Zone innerhalb eidgenössischer Gefilde – der Gemeinschaftswaschküche. Gemeinschaftswaschküchen mögen im Jahr 2012 manchen in verklärender Weise an seine Studentenzeit zurückdenken lassen, in der Schweiz sind sie jedoch noch allerorten Gang und Gebe und das gefährlichste Parkett zwischenmenschlicher Mieterbegegnungen.

Wer sich nämlich nicht  akribisch an den Waschplan hält, hat schnell das Zeug zur sozialen Außenseiter .

Das sagt einem der Schweizer aber nicht ins Gesicht. Im Gegenteil: Findet ein eidgenössische Nachbar noch unvorschriftsmäßig lagernde  Wäsche im Trockner vor, wenn eigentlich er selbst in der Liste steht, dann wirft er die Hemden und Höschen der gegnerischen Partei nicht etwa wild zeternd und wutentbrannt in der Gegend herum, sondern legt sie auch noch fein säuberlich zusammen ins das bereitstehende Wäschechörbli. Man darf sich jedoch nicht täuschen, dass er das aus irgendeiner Art von Menschenfreundlichkeit oder Milde heraus tut, er hat es schlichtweg so gelernt ... und man muss schon die Ohren im dritten Stock verschließen, um nicht das Zähneknirschen des Schweizers zu hören, wenn er einem die Unterwäsche zusammenfaltet.

 

Da ich Wäsche niemals zusammenzulegen pflege, wenn ich sie aus der Waschküche befördere, aber Gefallen daran zu finden beginne, wenn sie es ist, habe ich mir angewöhnt, jetzt immer ein wenig zu warten bis es ein Eidgenosse getan hat. Dieser hasst mich dafür dann zwar aus tiefstem Herzen, aber bei unserer nächsten Begegnung wird er sich sogar noch dafür entschuldigen, dass er sich gezwungen sah, Hand an fremde Wäsche zu legen.

 

Dass ein solches Verhalten unweigerlich zu sexuellen Spannungen führen muss, ist nur allzu offensichtlich. Schweizer gelten in international erfahren Prostituiertenkreisen nicht umsonst als die Kundschaft mit den ausgefallensten Wünschen. Hierhin nämlich trägt der Schweizer Mann seine ganze Energie, die er sich tagsüber mit etwas Büroschlaf und etlichen taurinhaltigen Energy-Getränken zugeführt hat.

Ich war gerade ganz frisch in die Schweiz übergesiedelt, als ich einer sehr ernstzunehmenden Zeitung eine Reportage einer Edelprostituierten über das (post-)koitale Verhalten des gemeinen Schweizer Beischläfers aufgetan, deren Aussagen ich nicht unskeptisch gegenüber gestanden hatte. Heute jedoch bin ich von deren Wahrheitsgehalt restlos überzeugt. Der Schweizer, so hieß es da, entschuldige sich gern nach dem berühmten winzigen Moment des Kontrollverlustes und bitte um Verzeihung für das zeitweilige Abhandenkommens seiner Contenance. Auch pflege er im Anschluss unmittelbar und sofort zu duschen und wolle mit jener, die ihm eben noch engste Begleiterin auf schlammigsten Pfaden gewesen war, unter gar keinem Umständen darüber reden, warum er sich z.B. dann und wann so gerne Windeln anlegen lasse.

Nicht zuletzt aus diesem Grunde hege ich den vermutlich nicht ganz unberechtigten Verdacht, dass die weltweit höchste Psychiaterdichte in der malerischen Bankerstadt Zürich nicht ausschließlich historischen Gründen anzulasten ist.

Was das Ganze mit dem unseligen ß  zu tun hat? Gar nichts. Absolut nichts. Dies ist ein im höchsten Maße unvernünftiger Text. Ein richtiger Schweizer müsste nach dem Lesen vermutlich frisch gewickelt auf die Couch.

Wozu auch immer.