7. Jun, 2016

Nicht aufwärmen bitte!

Als vor einiger Zeit publik wurde,  Christian und Bettina Wulff hätten sich wiedervereinigt, rauschte es ja wieder ganz gewaltig im Blätterwald. Schnell strengte Emnid eine Umfrage für die BILD am SONNTAG an, um herauszukriegen, dass es 50 Prozent der Befragten gut fänden, dass die Wulffs wieder zusammen sind, während dies 21 Prozent nicht begrüßten. 29 Prozent machten keine Angabe. Vielleicht waren sie noch mit den Familienverhältnissen Joachim Gaucks beschäftigt.

Aber mal abgesehen davon, dass Bewertungen von Herzensangelegenheiten einem nicht nahestehender Menschen genauso sinnvoll daherkommen, als fragte man eine Blindschleiche nach Ratschlägen gegen nächtliche Wadenkrämpfe, sollte man sich doch über jegliche art von Wiedervereinigung zunächst einmal freuen. Wir kennen uns doch damit aus: die beiden deutschen Staaten, Modern Talking, Bärbel Schäfer und Michel Friedman. Die Liste ist lang, an der man erkennt: Wiedervereinigte Paare sind meist um keinen Deut besser als im ersten Durchlauf, gelangen aber nie wieder zu ursprünglichen Stärke zurück und gehen einzig aus diesem Grunde der Umwelt weniger auf den Zünder. Alles in allem ein erfreulicher Umstand.

Trotzdem musste ich der Wulffschen Reunion wegen unwillkürlich an meine Großmutter denken, von der ich irgendwann gelernt hatte, Aufgewärmtes schmecke nicht mehr. Vor allem dürfe man keine Pelze wieder erwärmen, so verstand ich sie, Pelze zu erwärmen, das vergifte einen, bringe Qual und Verderben über einen. Erst viel später erkannte ich den Fehler, dass eigentlich Pilze gemeint waren, da Oma die Angewohnheit hatte, beim Sprechen beständig auf einer Walnuss herumzukauen wusste.

Weltgeschichte wird nicht selten durch Zufälle ausgelöst: Hier hatte mich undeutliche Artikulation argwöhnisch gegenüber Pelzen werden lassen. Zu mehr hatte es nicht gereicht.

Immer mal wieder  tauchen sie überraschend auf  und beginnen vor allem in Fußgängerzonen mit stark aktionistischem Tun: die Pelzgegner.

Ich habe nichts gegen Pelzgegner - sind  jene doch nicht ganz grundlos darüber verbittert, dass vorrangig ältere Damen im Winter stolzen Hauptes stark behaart gewandet umhergehen und vorgeben, so der Kälte trotzen zu müssen. Für diese Performance nehmen sie billigend in Kauf, dass  mal flugs eine Hundertschaft Chinchillas oder Nerze in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde, nur um auf dem Altar des „Ich wird-nicht-mehr geliebt“- Verzweiflung geopfert zu werden.

Bedauerlicherweise agieren Pelzgegner oft arglos in Nichts: Vorrangig beziehen sie aufgebracht die Fäuste gegen das Firmament schüttelnd vor Geschäften Quartier, in denen nie auch nur eine einzige Pelzjacke den Ladentisch verlassen hat und selbst an den Verkäuferinnen kein Härchen zu finden ist – höchstens ein gutes.

Dennoch sind Pelzgegner ein eher sympathisches Trüppchen, sind sie doch mit einem vernünftigen, überschaubaren Feindbild beschäftigt, ihre Energien sind gebunden.

Unverständlich dagegen bleibt, warum der Zulauf bei den Pilzgegnern über die Jahre so spärlich von statten gegangen ist. Eine Abneigung gegen den Pilz als Lebensform an sich. Allein die Unentschlossenheit des Pilzes hinsichtlich seiner Einordnung ins Reich der Biologie ist zu geißeln. Der Pilz ist der wahre Transvestit zwischen Flora und Fauna, wobei er akribisch Wert darauflegt, einem eigenem Reich anzugehören.  So kommt der Pilz  getarnt als Backhefe oder unverblümt als Schimmelpilz daher, vermehrt sich launisch bald geschlechtlich bald ungeschlechtlich und gehört   neben den Bakterien und Linksautonomen zu den größten Destruenten auf Erden. So wird sich z.B. an wehrlosen Pflanzen rücksichtslos vergangen, indem man ihnen Krankheiten anhängt, die solch scheußliche Namen tragen wie Maisbeulenbrand, Welkekrankheit, Birnengitterrost oder Obstbaumkrebs. Wie soll man da ein Fünkchen Pilz-Sympathie verspüren?

Alles in allem hat der Pilz über die Jahrtausende nicht viel getan, um sein sinistres Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern, er ist und bleibt ein Wesen von phlegmatischer, roher und feuchter Kultur – alles Eigenschaften, die man ja auch am Mitmenschen nicht unbedingt schätzt.

Ein einziger schwacher Versuch, das Image des Pilzes etwas aufzupolieren, wurde mit der Erfindung der Heizpilze unternommen, jene Instrumentarien, mit denen Kneipenwirte die Freiluftsaison mühelos bis in den November ziehen und sich auf diese Weise einen erhöhten Jahresumsatz erhoffen, aber auch dieses Ansinnen ist meiner Ansicht nach kläglich gescheitert.

Wer jemals schon mit ein bis zwei  Hefeweizen im Kopp direkt unter einem solchen Heizpilz sesshaft geworden ist, weiß,  dass man noch fünf  Minuten getrost vollständig hacke nach Hause gehen kann, um sich  zwei weitere Tage selber wie ein ungenießbarer Pilz zu fühlen z.B. wie ein  wulstiger Lackporling, ein wurzelnder Bitteröhrling, ein zottiger Schillerporling,  wie ein bitterer Saftling oder gar Strubbelkopfröhrling oder gar wie ein Fliegenpilz  ...