23. Jun, 2016

36 Grad, kein Ventilator

Kaum ist die erste Hitzewelle auf dem Rollfeld, befindet sich ganz Deutschland im medialen Ausnahmezustand. Platons Worte „Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“ in den Wind schlagend, alarmiert man mittels mahnender Ratschläge den Bürger auf allen Kanälen:
"Trinken Sie mindestens 12 Liter Wasser oder ungesüßte Kräutertees, halten Sie sich möglichst im Schatten auf. Wählen Sie einen Lichtschutzfaktor von 250 und vor allem: Schließen Sie Kinder und Rentner weg.“

In letzterem Fall ist die Hysterie womöglich nicht ganz unbegründet. Die Alten und der Sommer - das kann durchaus als unglückliche Allianz enden. Aus der Zeit, die ich einmal in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Seniorenheim wohnend verbrachte, sind mir vor allem das Martinshorn als Sommerhit und die Herren vom Notarztwagen in Erinnerung geblieben. Kommt noch eine WM dazu, ist der Ofen meist ganz aus. Es hilft nichts schönzufärben: Während ganz Deutschland nationaldicht ist, kippen Senioren reihenweise aus den Flipflops. 

Vielleicht hat deshalb die Apotheken Rundschau doch nicht ganz unrecht: Ab 30 Grad gehört Oma eben vorsorglich an den Tropf.

Aber auch jenseits der Kreislaufkundschaft bietet der Sommer seine Tücken: Für eine Gesellschaft, die sich größtenteils dem Credo verschrieben zu haben scheint, sich zu kleiden hieße lediglich, seine Blöße zu bedecken, entfällt im Sommer auch noch diese letzte Hürde. Bedauerlicherweise trifft auf die meisten Passanten einer sommerlichen Fußgängerzone eher nicht zu: „Das was sie nicht anhatten, stand ihnen gut.“ Im Gegenteil: Tropische Zustände kehren bei uns Deutschen eher eine anrührende, unbeholfene Seite heraus. Selbst an Männern, die sonst wirken, als würden sie ausschließlich angesichts Militärmusik verrückt werden, gehen 37 Grad Außentemperatur nicht spurlos vorbei. Anfänglich noch etwas scheu um sich blickend, werden dann gewagte Kurzarmhemden und helle Popeline-Hosen getragen. Bald sind sie aber soweit, in der Freizeitvariante des besagten Ensembles sogar ins sagenumwobene Camp David einzuladen. Vielleicht wartet dort Linderung für jene Frauen, die gern eindrucksvoll daraufhin weisen, dass mit  Spaghettiträgern nicht immer italienische Kellner gemeint sein müssen und monatelang unter stark einschneidenden, unsichtbar sein wollenden Plastik-Haltern an der Schulter leiden. Insofern dürften wir nicht gar nicht so furchtbar enttäuscht sein, wenn der Sommer schon im August seinen vielleicht sogar durchnässten Strohhut nehmen sollte und sich empfiehlt. Aber ich werde es sein, trotz 36 Grad und kein Ventilator.

Denn es stimmt wirklich und genau jetzt: Das Leben kommt mir gar nicht hart vor! :-)