5. Okt, 2016

"Auf leisen Pfoten" - Herbstgedanken

Gibt es etwas ans Herz gehenderes als diese Spätsommerabende im September? Wenn der Herr Herbst so langsam in die Balzphase geht – mit seinen vorangehenden, milden spinnennetzdurchwebten Tagen, an denen die Menschen wie an einem letzten Strohhalm hängen, jede Minute des dahinscheidenden Sommers auskosten wollend? Nicht satt sehen kann man sich an dieser Zeit: Nachmittage, an denen junge Familien in Parks herumliegen, auf Decken, gegen die kriechende Furcht vor dem Herbst anpicknicken. Studenten, die auf zwischen den Bäumen gespannten Slackseilen balancieren, Kinder, die mit Wochenendvätern Fußball spielen und überhaupt alles so tut, als hätte sich die Welt nie so etwas Grausames wie einen Montag ausbedungen. Es gehört eine gehörige Portion Selbstbeherrschung und Disziplin dazu, dann KEIN Abendhimmel-Foto in den sozialen Netzwerken herumzuschicken. Diese Mitt-Septemberabend-Wolken-sind-schon-wieder-lila-Stimmung ist einfach zu umhauend, zu schön, zu sehnsuchtsstimulierend. Diese Orange-Bläue, dieser Reigen an Komplementärfarben als hätte man sich mit Goethe persönlich abgesprochen, diese zart verwehenden Rosa-Töne, die einem elfenbeinfarbenen Cumulus-Wolken-Gebirge um die Taille fassen, das traut man sich kaum abzubilden, wenn man nicht als Romantikerin gelten will, die auf Bewährung draußen ist.

Die Natur aber, die traut sich das. Man muss auch keine große Romantikgeschichte daraus machen, aber so ein goldenes Frühherbstwochenende kommt ja dann doch einer Art Erleichterung gleich:

Unter der Losung "Brüder zur Sonne, zum Freibad oder doch wenigstens Richtung Natur" strömt noch einmal alles aus. Im Lichte der milden Septembersonne scheint sich alles irgendwie zum besseren Menschen zu mendeln, dessen rhetorische Attraktivität zwar immer noch weit hinter der seiner T-Shirt-Beschriftungen ("Bier formte diesen wunderschönen Körper“) hinterherhinkt und der in manch Fall noch immer seine Konsum-Kompetenz vor sich her trägt wie eine Seite-1-Mädchen ihre unschlagbaren Argumente, aber hey: Die Natur fragt nicht nach Bilanzen. Nicht nach Körpermassen, nicht nach Kontostand.
Die ist einfach da und erträgt uns verdammt oft auf wundervolle Weise.

Das wird uns im Wandel der Jahreszeiten besonders bewusst und es scheint ganz so, dass es das Vergängliche ist, das uns so ans Herz greift. Denn seien wir ehrlich, ein bisschen fürchten wir uns schon vor der kalten Geschäftsmäßigkeit des unaufhaltsam nahenden Novembers.

Im Grunde möchte man sofort einen Antrag stellen: Der November als schwarzes Schaf unter den Monaten sollte abgeschoben werden. Er hält sich für gewöhnlich nicht an das geheime Grundgesetz, das ein Mindestmaß an Helligkeit, Sonne und Wärme voraussetzt und will partout nicht die liebliche Sprache aus Bienengesumm und Schmetterlingsflügelschlag erlernen. Der November will uns in eine Parallelgesellschaft saugen, die nicht zu uns passt. Ich jedenfalls habe große Schwierigkeiten damit, diesen nicht-integrationswilligen Monat weiterhin mitzufinanzieren.

Vielleicht ist das aber auch zu hart. Man weiß ja selbst, wie der Mitmensch wirkt, wenn es intensiver zu herbsten beginnt und die Schirme wieder aufspannt. Auch die um die Seele. Deshalb sollte man dieses unvergleichliche Gefühl, dass der auf sanften Pfoten herantrottende Herbst mit sich trägt, wie in eine Batterie einspeisen, die man dann und wann in dunkleren Stunden herauszaubert. So ein Riechfläschchen für das wiederherzustellende Wohlgefühl.

Wie das zu hinzukriegen sei?

Nichts einfacher als das! Raus. Raus in die Welt jenseits des Fensters. Für ein paar Stunden, in denen einem das diffuse Gefühl von mittlerer Freiheit ein bisschen um den Hals fällt.
In denen alles möglich scheint: Wo Gedanken Luftsprünge machen, irgendwo im Park landen, bei ein paar letzten standhaften Eisverkäufern, denen schon die Kastanien auf den Kopf fallen, inmitten von „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spielen, bei Sternstunden am Schreibtisch und der einen oder anderen freiwillig herbeigeführten Begegnung mit jenen raren Menschen, die zu Selbstzweifel und ironischen Seitenhieben fähig, willig und einfach gut sind. Das Beste daran: Letztere sterben in keiner Jahreszeit aus.

Mit dieser Gewissheit und ein bisschen Literatur im Gepäck wirkt selbst das Hinserbeln des liebenswürdigsten Sommers mehr als erträglich oder wie Nikolaus Lenau in seinem Gedicht „Herbst“ unübertroffen formulierte:

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör' ich Kunde wehen,
daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

 

(erschienen im Oktober 2016 in NEUBADMagazin Basel/CH)