2. Dez, 2016

Tatsächlich: Liebe!

Behaglich rauschte der Zug von Berlin nach Leipzig: Neben mir saß eine strickende Frau, deren Stricknadeln im Takt mit den Schwellengeräuschen der Schienen klapperten, aus dem angrenzenden Bordbistro wehte leises Gläserklirren herüber, einige Herren nahmen ein erstes Bier ein. Das Kind hatte ein anderes mitreisendes Kind gefunden. Eines, das Unterhaltungselektronik durfte. Die Reise war rund, ich hätte ewig so weiter fahren können.

Fasziniert betrachtete ich die künstlichen Fingernägel meiner Nachbarin, mit denen es mir unmöglich schien, auch nur annähernd selbständig eine Hose an- oder auszuziehen, die hier aber sogar Kunstgewerbe zu produzieren im Stande waren. Ich war fasziniert: Der Fingernagel erschien mir als entdeckter Tummelplatz unbegrenzter modischer Avancen. Nach Herzenslust färben, lackieren, mit Kettchen behängen oder mit Strass verzieren, ohne dass im näheren Umkreis gleich ein Doppelkinn oder sonstige Überhangmandate die Partie zu verderben drohen – zweifellos eine der größten Errungenschaften nachwendischer Jahre.

Lange aber hielt mein kleines kontemplatives Glück nicht an. Kurz vor Wittenberg legte die Frau unvermittelt ihr Strickzeug zur Seite, um aus ihrer Handtasche das Unvermeidliche herauszukramen: „Fifty Shades of Grey.“

Warum hier? Warum jetzt? War das nicht langsam durch? Und warum war man  nirgendwo mehr sicher? In Buchhandlungen, auf Werbeplakaten, in Zeitschriften, in Zügen, im Kino - überall hatten doch die utensiliengesteuerten, finanziell nicht ganz unsmart kalkulierten, feuchten Träume der properen Schottin gehangen.

Wenn Angela Merkel nicht „Der Islam gehört zu Deutschland“, sondern „ Der SM gehört zu Deutschland“ postuliert hätte, niemand würde mehr widersprechen. Deutschlands Frauen jedenfalls schienen bereit für die harte Tour, wenn auch erst einmal vorsichtshalber mit einem traumatisierten Multimillionär u30.

 

Ich wusste zwar, dass auch das vorbeigehen würde – ein ähnliches buchhandelssegnendes Phänomen hatte sich ja vor einigen Jahren mit der „Weißen Massai“ ereignet, der Geschichte jener ungewöhnlich risikobereiten Schweizerin, die sich voraussehbarer Weise in einer mit Ziegen umweideten kenianischen Hütte der größten sexuellen Enttäuschung ihres Lebens entgegengearbeitet hatte, aber manchmal will man einfach ein bisschen intellektuelle Ärgernis spazieren fahren.

 »Du gehörst mir«, musste ich jetzt im Zug mitlesen. »Dir«, hauche ich (...) »Mir.« »Ah.« »Still.« Ich tue, was er mir sagt, und er kniet vor mir nieder, um mir vorsichtig die weißen Brautschuhe von Jimmy Choo auszuziehen.
»Ist wie Geschenke an Weihnachten auszupacken.« Er lächelt mich unter seinen langen Wimpern hervor an.»Ein Geschenk, das du schon kennst ...« »Nein, Baby. Erst jetzt gehört es mir endgültig.« »Christian, ich gehöre dir seit dem Jawort.«
 

„An (!) Weihnachten!“ Ich musste lachen, war versöhnt mit der Wellt, mit dem Werk, mit der Verfasserin.

Mal ehrlich, es ist aber auch verdammt schwer, heute noch etwas Vernünftiges über die Liebe zu schreiben. Goethe konnte das ja ganz prima, schien auch irgendwie geübt in der Praxis, auch Heine, Tucholsky, alles Könner. Von Morgenstern kann man nicht nur göttliche Albernheiten lesen, sondern auch großartige Liebeslyrik. Zweifellos: Die Liste virtuoser Schreiber lastet auf zeitgenössischen Literaten schwer.

Allein, was ist das schon, die Liebe? Wie schreibt man über etwas, dessen Inspirationsspielraum dehnbarer als der Bund einer Jogginghose eines US-Adipösen wirkt, sodass es die innere Göttin anderer erreicht? Die Krux ist: Jeder erlebt die uralte, immer gleiche Geschichte mit dem Verliebtsein immer wieder neu, manchmal klappt bekanntlich  alles ganz easy (First he drives her home, then he drives her crazy), manchmal tun sich Schwierigkeiten bei den Liebenden auf dem Weg zum Happyend auf. Hie und da gibt es bedauerlicherweise auch keines.

Aber mach da mal da eine Geschichte daraus! Setzt man realistischerweise mal voraus, dass ein Mann und Frau einander wirklich lieben, dann kann man die Dialoge literarisch gewöhnlich in der Pfeife rauchen:

Sie: Sag mal liebst du mich?

Er: Ich liebe dich sehr.

Sie: Wie sehr liebst du mich?

Er: Sehr, Liebling. Ich liebe dich sehr.

Sie: Vermisst du mich manchmal?

Er: Wäre ich sonst hier, Liebling?

Sie: Du bist mein Liebling, Liebling.

Man sieht, das hat keinen Zweck. Es ist dürftig. Es ist arm. Aber so redet man zuweilen in Phasen der innigsten Verliebtheit. Selbst einen Wortschatz vom Ausmaß des Elbsandsteingebirges schmilzt die Liebe weg wie die Märzsonne den Schnee. Man stammelt. Man sagt Grenzdebiles. Man möchte es nicht gedruckt sehen.

Eine Liebesgeschichte geht natürlich auch nicht ohne Erotik. Meine Phantasie jedenfalls sagt NEIN zu Liebesgeschichten ohne Erotik. Von da an wird es für einen Schreibenden nahezu aussichtslos. Die Protagonisten müssen ja dann nicht nur reden, sondern auch was tun. Ein bisschen Bewegung gehört dazu. Das muss man beschreiben können. Ein guter Freund pflegt den Sexualakt stets mit der Formel „Reinstecken, rumzappeln, rausnehmen!“ zu umreißen, aber ich fürchte, dies gibt für eine Geschichte nicht genügend Stoff.

 

Man könnte erotische Erlebnisse eventuell mit Naturereignissen gekoppelt darbieten, um die Geschichte ein bisschen zu beleben: Er und sie reiten zum Beispiel in den Sonnenuntergang, natürlich alles ganz platonisch. Ein Unwetter überrascht sie. Es überrascht sie, weil Ben Wettervogel gestorben ist. Sie sind traurig und gleich darauf auch nass. Alles wirkt ein bisschen bedrohlich, weil urgewaltig. Sie flüchten in eine abgelegene Scheune. Irgendwie ganz von den Socken. Die Evolution lässt sich nicht lumpen: Schutzbedürftig sinkt sie in seine Arme, er ist nicht genügend Widerstandskämpfer, um dann nicht zu tun, was getan werden muss.

 

Würden einem Leser und Kritiker heutzutage so etwas noch verzeihen? Wohl kaum. Man darf so was erleben, aber schreiben darf man es nicht mehr.

 

Ich glaube, dass vor allem eines für eine Liebesgeschichte wichtig ist: Die Liebenden müssen leiden. Sie müssen leiden, bis sie zueinander finden, sie müssen leiden vorm ersten Kuss, beim ersten Kuss, sie müssen leiden zwischen den Laken. Und wenn sie im Leiden so richtig trainiert sind, lässt man sie am Ende entweder sterben oder heiraten.

 

Im letzteren Fall ergibt dann perspektivisch sogar ein bisschen Equipment Sinn. Wie wäre es zum Beispiel mit dem  „Fifty Shades-of-Grey-Klebeband: Still, Baby, Still“, drei Rollen für nur 14,97 Euro?

Als der Zug in Leipzig mit quietschenden Geräusch in Leipzig einfuhr, hatte ich meinen Frieden gefunden. Sag einer noch mal, Equipment sei überbewertet.

 Ohne Stricknadeln wäre das alles nämlich nie passiert.