3. Jan, 2017

Bettgeflüster 2017

„Ich habe nichts gegen Schwule, solange sie mich nicht anpacken! Hahaha!"

Millionenfach hat man diesen Satz wohl schon von vernommen: von irgendeinem Herrn, der nicht selten im unterhemdesken Habitus das Gegenteil von Verve, Charme und Eleganz zu verkörpern meint. Gern auch in Kombination mit einer Körperbehaarung, die einem Silberrücken jene Rotschattierung ins Gesicht triebe, die der Pavian der Welt am Allerwertesten darbietet.
Und jedes einzelne Mal fragte ich mich dann: Warum? Wie kommt es nur, dass ausgerechnet diese Herren ernsthaft anzunehmen geneigt sind, ausgerechnet SIE seien aus einer herben Laune des Schicksals heraus zur expliziten Zielscheibe homoerotischer Phantasien auserwählt worden?

So seltsam diese Sichtweise, so hartnäckig scheint sie sich zu halten. Dennoch glaube ich, dass Schwule dieses Phänomen mit einem Schulterzucken oder einer hochgezogenen Augenbraue ganz gut abhaken können als das, was ist: übliches Geschwätz derer mit schrägem Selbstbild. Die gibt es nun mal in jedem Winkel menschlicher Daseinsformen. Vielleicht ist es sogar wichtig, dass gerade diese Menschen sich verklärt wahrnehmen, sonst käme die Pharmaindustrie mal wieder vor Lachen nicht in den Schlaf. Auch ein Krankheitsbild für sich irgendwie.

Größere Sorgen hingegen machen einem die weniger expliziten Homosexuellen-Schmäher, die unter dem außerordentlich populären Denkmäntelchen der „Besorgnis“ Menschen jedwede Chance  auf ein gelingendes Leben verwehren, weil man offensichtlich täglich bis nachts um drei wachliegt, nicht verdrängend könnend, dass der Mitmensch unter der Bettdecke anders mopsfidel gemacht wird als man selbst.

Nur so ist es zu erklären, dass erst im vergangenen Jahr ein homosexuelles Pfarrerpaar Schlagzeilen zu machen wusste, weil es ihm  nicht vergönnt gewesen war, in einem nordsächsischen Dörfchen friedlich mit der Gemeinde samt Heidekönigin zu koexistieren und deswegen nun desillusioniert in eine offenere Gemeinde nach Norddeutschland überwechsle. In Sachsen sei man eben zugeknöpfter, war in den Zeitungen zu lesen.

Bis zum Bischof hinauf hätten sich Teile der Bevölkerung beschwert, man sei nicht vorab über die sexuelle Orientierung informiert worden (!), außerdem könne man doch kein Pfarrerpaar akzeptieren, das einen so von der Heiligen Schrift abdriftenden Lebensentwurf propagiere.

Es ist und bleibt erstaunlich.

Die beiden jungen Männer, um die sich der Zank rankte, waren ebenfalls vielfach abgebildet, wirkten jung, sympathisch, fast adrett, in keiner Weise wie entfesselte Party-Animals mit Federboas bis zum Scheitel oder adrenalingespeiste Sexmaschinen. Gut ausgebildet, engagiert, offen. Man hatte das Gefühl, Stefan Rost, der die Pfarrstelle in dem kleinen Ort bei Dahlen innehatte, wäre in der Lage gewesen, den Menschen dort noch viel Gutes angedeihen zu lassen.

Aber das geht eben nicht, weil er wissentlich in Sünde lebt. Willkommen in der Gegenwart.

Es wird erstaunlicherweise noch immer nirgendwo so viel Unglück heraufbeschworen wie in Fragen der menschlichen Sexualität.

Ich wünsche mir für 2017 glücklichere Konstellationen für alle. Dass man nicht so ausgiebig darüber reden muss, welche Körperteile der Mitmensch irgendjemandem auf geheimnisvolle überzuhelfen pflegt, sondern dass dies viel mehr Menschen selber glückt.

Dann könnten wir uns nämlich endlich auf ein paar andere interessante Sachgebiete stürzen, die einer ebenso nicht ganz undringenden Bearbeitung harren.

Stößchen! :-)