Das Mädchen, das Unku war

„Ede und Unku“ – In der Zone kannte jedes Kind den Berlin-Roman der 20er Jahre, geschrieben von Alex Wedding (Grete Weiskopf Heinrich), samt seiner Romanfigur, diesem quirligen jungen Roma-Mädchen mit der Pony-Frisur, die gemeinsam mit ihrem Freund Ede die Straßen im Wedding unsicherer machte als die Zeiten es waren.

Was viele schon nicht mehr wissen: Unku war nur ein Spitzname. Kaum einer kannte das Mädchen unter seinem richtigen Namen Erna Lauenburger.  Und schon gar nicht wusste man, was aus dieser Erna Lauenburger geworden war. Nicht mal die Schriftstellerin selbst, die in den zwanziger Jahren im Wedding mit ihr befreundet gewesen sein muss, sollte von diesem Schicksal je erfahren. Vielleicht muss man in diesem Fall gar von einem gnädigen Umstand sprechen.

Denn das Ende des nur 23jährigen Lebens von Unku ist – man ahnt es längst  - ein tieftrauriges.

Dabei hatte es – wie es  doch sein soll – so fröhlich angefangen: 1920 geboren, wurde Erna schon als ganz kleines Kind nur Unku gerufen. Bereits bei der Geburt fanden ihre Eltern, dass der Name zu ihr passe. Sei muss ein quietschfideles, lebendiges Kind gewesen sein, diese Unku. Ein Kind, das viel lachte viel und rasch die Herzen für sich gewann. Am liebsten draußen spielte, auf den Straßen oder in der freien Natur. Im Wedding der Zwanziger eben, wo die größte Sorge dort für viele darin bestanden haben muss, wie man die Familie durch den nächsten Monat bringt.

In den 30ern siedelte die Familie Lauenburger nach Magdeburg um, wo sie irgendwann im Zigeunerlager im Magdeburger Holzweg, zu leben hatte. Zigeunerlager hin, Zwangsregistrierungen her - jeglicher Zeitgeist konnte das Erblühen der jungen Frau nicht verhindern. Dass dies unbemerkt bleiben sollte, kann man wohl nicht annehmen. Bereits mit 18 wird Unku Mutter. Der Mann, den sie liebte, war der zwei Jahre ältere Otto Schmidt, der nur wenig später im KZ Buchenwald eine durch KZ-Ärzte herbeigeführte Fleckfieber-Infektion zunächst überlebte hatte und doch wenig später an den Folgen der medizinischen Experimente an ihm starb. Schluss mit 24.

Unku hat es bis 24 gar nicht geschafft. Unku kam nach Auschwitz. Mit ihren beiden Kleinkindern. Zur kleinen Tochter Maria, vier, hatte sich noch Bärbel gesellt, sechs Monate. Man darf sich dem berechtigten Gefühl hingeben, dass weder Maria noch Bärbel in rosaroten Kinderzimmern mit Alarmmatratzen und sterilisierten Fläschchen ihre erste Lebenszeit verbracht hatten. Trotzdem stirbt  das Baby angesichts der hygienischen Zustände im Lager schnell. Als auch  Marie dahingerafft wird, ist  Erna am Rande des Wahnsinns, kann ihre Trauer nicht leise für sich behalten. KZ-Arzt Josef Mengele macht den Klagelauten ein Ende. Er tötet Erna Lauenburger am 2. Juli 1943 mittels Giftspritze.

Man wünscht sich in manchen Augenblicken nichts mehr, als dass die Zeit stehen geblieben wäre, „als Unku Edes Freundin war“.

Seine schönste Rolle

Eine Erinnung an Hans Otto

Es bleibt so: Erich Kästner ist der roteste Faden in meinem Leben. Alles, was mir wert scheint, betrachtet, inspiziert, geliebt und erforscht zu werden, läuft auf verschlungensten Wegen irgendwann auf seine Person hinaus. So ist es auch mit HANS OTTO, an den ich erinnern möchte.
Auch ein Mann der Sonderklasse offenbar. Aber eben ganz anders.

Hans Otto war Schulkamerad Kästners. Allerdings sollte er - im Jahre 1900 in Dresden geboren - nicht mal halb so alt werden wie dieser. Mit 33 Jahren starb Otto am 24. November – heute vor 81 Jahren - im Berliner Staatskrankenhaus.

Wer war dieser Mann?

Einer der ganz Klaren - von Anfang an. Der schon als Schüler zum Theater wollte und das auch umsetzte – gegen alle Widerstände seiner Beamtenfamilie, der er entstammte.
Seine Stationen sind in den 20er Jahren ein Künstlertheater in Frankfurt am Main, die Hamburger Kammerspiele, das Hoftheater Gera und das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, wo er vor allem in klassischen Rollen „ein Glanz war“. Und wenn Kästner etwas kokett von sich selbst formulierte: „Mit 30 will ich, dass man meinen Namen kennt.“, so war diese Art Koketterie Hans Ottos Sache ganz sicher nicht. Er war einer, der einfach machte – und das furchtbar gut. Spielte ab Juni 1930 in Berlin „die großen Rollen“, in denen er Kritiker und Zuschauer gleichermaßen begeisterte.
Herz hat er auch: 1922 verheiratet, 1924 in die KPD eingetreten.
Außerordentlich beliebt am Schauspielhaus – erstaunlich uneitel für die Zunft, zudem einer, der sich für andere verwendet, der die Gage teilt. Der linke Ideen offensichtlich wirklich lebt.
Dass dies die Nazis nach ihrer Machtübernahme nicht mit Händeklatschen quittierten, liegt auf der Hand. Die neue Schauspielhaus-Leitung feuert ihn umgehend, er aber bleibt stoisch im der Heimat, obwohl es Angebote aus dem Ausland regnet. Arbeitet im Untergrund weiter – bis ihn irgendeine Arschgeige vom Dienst denunziert.
Drei SA-Männer entdecken ihn am 13. November 1933 einem Café am Viktoria-Luise-Platz in Berlin, schleppen ihn weg, irgendwohin zu einer ihrer special locations, wo sie eben jenes Programm starten, was man mittlerweile in SA-Dokumentationen so oft und immer noch ungläubig starrend gesehen hat. So was mit Stiefeln und viel Blut.
Bei der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße dann soll Otto, Mitglied der in den Untergrund gedrängten KPD, seine Genossen verraten.
Doch was macht dieser? Schweigt. Schweigt elf Tage lang. Oder elf lange Tage. Elf unglaubliche Tage. Keinen einzigen Namen prügeln sie aus ihm heraus.
Am 11. Tag – am 24. November - schmeißen sie ihn, als er nur noch regungslos liegt, in der Voßstraße aus dem Fenster des dritten Stocks.
Von Kästner ist überliefert, dass Hans Otto noch - blutüberströmt - gesagt haben soll: „Das ist meine schönste Rolle:“

Ob er das nun wirklich gesagt hat oder nicht, ist mir überaus wurscht. – Ein Hoch auf uns? Warum nur? Dies will sich mir nicht wirklich erschließen.
Ein Hoch auf diesen Menschen aber in jedem Falle.

Ein Hoch auf Hans Otto!

(U.G., 24. November 2014)

"Carola prikasala dolgo shitj" - In Verneigung vor Carola Neher

In einem Lager in Orel an der Oka nahe der kasachischen Grenze wird am 10. März 1941 ein Brief abgeschickt, in dem es heißt: "Wie entwickelt sich mein Sohn, körperlich und geistig? Wie steht es mit seiner Gesundheit? Wie viel wiegt er, und wie groß ist er? Womit beschäftigt er sich? Lernt er schon schreiben und lesen? Sie werden verstehen, dass ich ungeduldig auf den Tag warte, da ich ihm direkt schreiben kann. Wann kommt er in die Schule? Weiß er über seine Mutter Bescheid? Ich bitte Sie sehr, mir sein letztes Foto zu schicken. Ist er musikalisch? Zeichnet er? Wenn ja, schicken Sie mir doch bitte eine Zeichnung, die er gemacht hat! Ich danke von ganzem Herzen für alles Gute, das Sie für mein geliebtes Kind tun können!"

Es ist der letzte erhaltene Brief der Schauspielerin Carola Neher (1900 – 1942) – gerichtet an die Leiterin des Kinderheims, in dem ihr Sohn lebte. Man muss vermutlich keine Mutter sein, dass einem diese Zeilen etwa 5000 qm im Umkreis des Herzens zusammenkrampfen lassen und wissen lassen will, was für ein Leben, welches Schicksal hinter diesen Zeilen steckte.

„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“, heißt es bei Schiller im Prolog zum „Wallenstein“ und doch sollte man im Falle Carola Nehers flechten, was das Zeug hält. Dass sie eine der populärsten Schauspielerinnen der Weimarer Republik gewesen war, fast geschenkt. Dass sie als Ehefrau den wunderbar-einzigartigen Dichters Klabund bis zu dessen frühen Tod im Jahre 1928 liebte, sehr schön. Dass ihr Brecht einen Heiratsantrag gemacht hatte, den sie – klug wie sie war – abgelehnt hatte, gut zu wissen. Wesentlich ist aber viel mehr: Sie war eine Frau mit menschlicher Größe:Schön. Begabt. Aufrecht. Allerdings – da blitzt das Schiller-Wort doch wieder auf – wissen heute nur noch wenige, wer Carola Neher war.

1900 in München geboren, brillierte Carola Neher in den 20er Jahren auf zahlreichen Bühnen Deutschlands, vom Publikum bewundert und verehrt:
Selbstbewusst. Modern. Feminin. Burschikos. Alles gleichzeitig. Nahm Boxunterricht. Provozierte, ließ sich gern Affären nachsagen – auch eine mit Bertolt Brecht, der ihr Theaterstücke auf den Leib schrieb. Berühmtheit erlangte sie als Polly in der Verfilmung der „Dreigroschenoper“.

1932 heiratete sie den rumänischen Kommunisten Anatol Becker und unterschrieb – obwohl im Grunde keine sehr politische Person - einen Aufruf gegen Hitler. Im nächsten Jahr flüchtete sie aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Sowjetunion. Wie viele Intellektuelle an die Sowjetunion als das Land von Visionen glaubend. Dort kommt auch 1934 ihr Sohn Georg auf die Welt.

Ihre Schauspielkarriere kann Carola Neher allerdings dort nicht fortsetzen.
Stattdessen holt die Wirklichkeit sie ein: Stalinistischer Terror. Das Ehepaar Becker hält dem Druck nicht stand, trennt sich, wird denunziert. Erst wird Becker wegen Teilnahme an einem angeblich geplanten Attentat auf Stalin erschossen, dann auch sie selbst verhaftet. 1937 wird sie als "Botin" einer angeblichen trotzkistischen Zelle zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Sohn kommt ins Kinderheim. Carola Neher sperrt man in verschiedene russische Gefängnisse, der Kontakt zur ihrer Familie, ihrem kleinen Sohn oder zu Freunden - untersagt.

Nicht ganz undelikat:
Feuchtwanger, dessen Bücher in der Sowjetunion in hohen Auflagen erscheinen, besucht als Stalins Gast die Schauprozesse. Obwohl er Carola Neher unter den Verhafteten weiß, liefert er in seinem Reisebericht Moskau 1937 eine auch von Brecht enthusiastisch begrüßte, entschiedene Legitimation der Stalinschen Prozesse. Beide fungieren in dieser Zeit, in der immer mehr Weggefährten im Gulag verschwinden, als Herausgeber der Moskauer Zeitschrift "Das Wort”.

1938 veröffentlicht darum die niederländische Exilzeitung “Unser Wort” einen leidenschaftlichen Protest Walter Helds, der die sowjetfreundlichen Exil-Schriftsteller des Verrats an den Opfern Hitlers und Stalins, des Verrats an der eigenen Moral zeiht: “Sie, Herr Brecht, haben Karola Neher gekannt. Sie wissen, daß sie weder eine Terroristin noch eine Spionin, sondern ein tapferer Mensch und eine große Künstlerin war. Weshalb schweigen Sie?”

Nach Abschluss des Hitler-Stalinpaktes werden deutsche Häftlinge zur Auslieferung an die Gestapo nach Moskau verlegt. Weil aber Carola Neher trotz härtester Schikanen sich dem Ansinnen der sowjetischer Geheimpolizei widersetzt (!!!), sie als Agentin zu gewinnen und sich zudem deutsche Behörden nach ihrer Ausbürgerung für nicht zuständig erachten, kommt sie zurück ins Gefängnis von Orjol.

Eines ihrer letzten Lebenszeichen ist der Brief vom März 1941 an die Leitung des Kinderheimes, in dem sie nach der Entwicklung des knapp Sechsjährigen fragt, und auch danach, ob er von seiner Mutter wisse.

Im Lager erliegt die einundvierzigjährige Carola Neher, Häftling Nr. 59783 am 26. Juni 1942 einer schweren Typhus-Infektion. Ihr Leib landet im Massengrab einer Kalkgrube. Ihr Sohn aber sollte erst als Dreißigjähriger die Geschichte seiner Eltern erfahren und 1975 von Odessa in die Bundesrepublik übersiedeln.


Hilde Duty, einzige überlebende Augenzeugin, berichtete: »Sie war eine ganz hervorragende Frau. Sehr vital, gescheit. Sie war ... weit weg, hatte sehr wenig, was wir damals unterm Genossen verstanden ... am 26. Juni 1942 sei eine Wärterin gekommen und habe gesagt: «Carola prikasala dolgo shitj!« - Carola hat das Zeitliche gesegnet.

(U.G.)

Heidis Nichte


 
Dass George Clooney laut BILD, BUNTE und GALA der begehrteste Junggeselle seit Menschengedenken sich für Amal Alamuddin, diese exotische, gebildete und elegante Zierde des weiblichen Geschlechts entschieden hat, ist nicht nur erfreulich, sondern lag ja auch auf der Hand. Es reicht eben nicht, wenn man Frau Clooney werden will, irgendwann einmal „Miss Diskozelt Mittelthüringen“ gewesen zu sein oder einen schleswig-holsteinischen Fachschulabschluss aufweisen zu können. Auch eine gewagte Kombination aus Pimkie, Forever 18 und den neuen Zalando-High-Heels hilft nicht viel weiter. So kommt man nicht durch oder höchstens an Herren heran, die mit einem ins "Camp David" wollen.
Eine Frau Clooney muss natürlich anderweitig bezaubern. Dass sie atemberaubend auszusehen hat, gehört zu den Basics, dass sie Stilsicherheit darbietet, versteht sich ebenfalls von selbst, Grazie, seidiges Haar und an einer Perlenschnur aufgereiht erscheinende Zahnreihen – alles Beigaben, nice to have. Nein, sie muss auch noch einen Beruf haben, der neidvoll angelegte Gemüter immergrün werden lassen kann: Die junge Frau Clooney ist nämlich weder Schmuckdesignerin, Wetterfee, Fitnesstrainerin noch macht sie „irgendwas in oder mit Medien“ - sie ist Menschenrechtsanwältin! Das muss man dann doch erst einmal verkraften.

Die Liste meiner Persönlichkeitsdefizite ist kilometerlang, aber Neid gehört nicht zu meinen Schwächen. Ich finde die frischgebackene Frau Clooney wirklich einnehmend und beeindruckend.
Um einiges eindrucksvoller allerdings sind für mich die weniger smoothen, durchgestylt wirkenden Happy-Happy-People-Biographien und deshalb erinnerte ich mich beim Begriff „Menschenrechtsanwältin“ an eine ganz andere Frau, deren Interesse für das Recht an den eigenen Grenzen zeitlebens fast zu scheitern drohte. Eine „Bischof-ich-kann-fliegen-Figur“, eine „Schneiderin von Ulm“ -, eine die vielleicht nicht direkt in den Tod stürzte, aber immer wieder auf den harten Boden der alltäglichen, eng beschränkten Tatsachen, wie er vor 150 Jahren für Frauen eben beschaffen war. Eine, die für ihre Vorreiterrolle teuer bezahlt hat:
Emilie Kempin-Spyri – die erste Juristin der Schweiz.

Wer sich jetzt ein bisschen nachdenklich am Kopf kratzt und leise sagt: „Moment mal, Spyri war das nicht die .... die ...?!“ Der hat recht. Johanna Spyri, die uns trotz eigener extremer Schwermut das ewig liebenswerte „Heidi“ und den Alm-Öhi beschert hat, war die schreibende Tante von Emilie. Aber Emilie war das stärkere Geschoss.

1853 in Zürich-Altstetten geboren. Klug, aufgeweckt, fleißig, Will studieren, Lehrerin werden oder Schriftstellerin wie Tante Johanna. Dafür hat der Vater natürlich keinen Nerv. Immerhin ein Welschlandjahr, danach aber wieder Zürich. Das Brav-Bürgerliche einerseits, das Wilde, Universitäre andererseits, das mit den revolutionären Kreisen, zu dessen Kern Rosa-Luxemburg gehörte, die mit achtzehn Jahren nach Zürich gekommen war. Ein Faszinosum.

Das studentische Treiben zog natürlich auch Emilie Spyri an. Und nicht nur das. Bald verliebte sich die junge Frau in den Theologen Walter Kempin, ein 23jähriger Habenichts, ein Heißssporn, ein Philanthrop, der eine Pfarrstelle in Zürich-Enge antritt. Gegen den Willen des Vaters heiratet sie Kempin, die Folge: drei Kinder rasch hintereinander und chronisch knappe Finanzen.
Und doch: Sie hat den Traum vom Studium nicht aufgegeben.
Obwohl ihr Tag mit häuslichen Pflichten voll ausgelastet gewesen sein muss, holt sie – ausschließlich am Abend lernend das Maturitätsexamen nach, und setzt dann an zum Ungewöhnlichen – zum Jurastudium.
Die Zürcher Nachbarschaft muss Basedowsche Augen gemacht haben: wie die junge Frau frühmorgens zur Uni hetzt, Geld für die Pferdebahn war nicht da, wie der Mann die Kinder versorgt, seiner Frau die Hausarbeit abnimmt, damit diese im Hörsaal sitzen kann.
Ein solches Selbstbewusstsein muss man erst einmal aufbringen, zumal sie ja (natürlich!) ständig das schlechte Gewissen plagt wegen der Kinder, die zudem der Spott der Umgebung am allerhärtesten trifft, da die mildernde Hornhaut Lebenserfahrung noch fehlt.
Trotz dieser Belastungen zieht die fragil und um einiges jünger als 34 wirkende Emilie das Studium in kürzest möglicher Zeit durch, wird nach sechs Semestern promoviert, magna cum laude.
Aber die Männer in der universitären Welt sind noch lang nicht bereit für die Konsequenzen, die logisch wären. Sie kann machen, was sie will: als Frau darf sie nicht unterrichten - all ihre Pläne mit den juristisch knallharten Formulierungen „kühn“ und „verwegen“ abgeschmettert.
1888 sieht man sie mit Mann, Dienstmädchen, den Kindern und 22 Kisten Umzugsgut auf einem Postdampfer nach New York. Rückfahrticket nicht inklusive.

Das Auswandern wird nicht glücklich enden. Obwohl es beruflich für Emilie, die in den USA zu Emily geworden ist, vorangeht, sie einiges auf den Weg zu bringen vermag. Der Mann will in New York kein Hausmann mehr sein. Will jetzt auch Jura studieren und zurück nach Zürich. Tut das auch, nimmt zwei der Kinder mit.
Einige Zeit später folgt Emily ihnen nach. Ihr Sohn ist schwer erkrankt. Sie fügt sich erneut in ein Leben als Juristin in der Schweiz. Arbeitet wie von Sinnen.
Die Ehe mit Kempin ist längst keine mehr, jeder mauschelt für sich alleine herum.
Sie verliebt sich unerwartet und heftig – 42jährig – in Matthieu Schwann, einen jungen Privatgelehrten aus Deutschland, der sich – welche öffentliche Schmach – jedoch lieber ihrer 19jährigen Tochter zuwendet. Was müssen die Gerüchte darüber im hübschen, jedoch so überschaubaren Zürich damals für fröhliche Urständ gefeiert haben!
Erneut verlässt sie die Stadt. Berlin ist diesmal das Ziel. Sie hat Verbindungen dorthin. Sie nimmt eine Wohnung Unter den Linden, genießt die Absenz des provinziellen Klatsches.

Doch Berlin hat sich verändert. Hektischer ist es geworden, bunter, lauter. Auch die Frauenbewegung hat richtig Drive gekriegt. Sie wird um eine Stellungnahme zum neuen Gesetzbuch gebeten. Sie tut dies begeistert, in ihrem Element. Ausgewogen, differenziert. Aber man will in Berlin gerade keine Ausgewogenheit, man will Anleitung zum Widerstand.

Sie arbeitet wie von Sinnen. Sorgen. Auch wieder die um das Geld. Die Tochter kommt geschwängert von Schwann zu ihr, sie nimmt sie auf. Der Sohn wird als Bruder eines gefallenen Mädchen entlassen. Sie hat nun auch ihn am Hals.
Irgendwann kommt der abgerissene Ehemann noch als Bittsteller.

1897 bricht sie vor einem Postschalter zusammen. Nervenzusammenbruch. Wird in die Nervenheilanstalt Lankwitz eingeliefert. Aus den vorgesehenen drei-vier Wochen werden eineinhalb Jahre. Sie will zurück nach Zürich. Burghölzli soll wenigstens ihr Ziel sein. Es wird ihr verwehrt. Sie kommt in die Basler Friedmatt. Schreibt Briefe, klar und logisch in der Formulierung, die vermuten lassen, dass sie zu Unrecht entmündigt worden ist.

Alles umsonst. 1901 ist sie tot. Gestorben an einem Krebsleiden. 48jährig.
Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Begabung, Fleiß und Mut nicht immer belohnt werden? Dass es härtere Zeiten gegeben hat? Die Dankbarkeit, dass es trotzdem solche Vorreiter gegeben hat, Menschen, die sich für eine Utopie - und damit für uns - sehenden Auges verbrannt haben? Obwohl wir die Flammen, an den wir uns heute so selbstverständlich wärmen, gar nicht mehr wahrnehmen?
Die Erfahrung, dass nicht bei jeder Anwältin ein George Clooney um die Ecke kommt?

Ja. All das bleibt. Merci vielmal.

(U.G.)