Irgendein Kapitel

Es war einer dieser düsteren, verregneten Tage gewesen, an denen man sich schlechte Stimmung nicht erst erklären muss, als sie sich sie zwischen all diesen ihr ständig wiederbegegnenden, und doch unbekannten Menschen und all diesen Großstadt-Wirklichkeitsausschnitten wiedergefunden hatte. Menschen und Bilder, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen und denen sie doch wie stets – ohne es zu wollen oder erklären zu können - eine  unterschwellige Beziehung zueinander beimaß. Vielleicht weil der Gedanke, alles habe mit allem zu tun, ihr tröstlicher, haltgebender erschien als die Annahme, jeder verende doch letztlich für sich allein. Vielleicht hatte sie aber einfach nur zu viele Dogma-Filme gesehen.

Da war sie also erneut – inmitten dieses verstörenden Kaleidoskops, dessen Protagonisten sich zwar täglich frisch formierten, jedoch letztlich stets die gleichen blieben. Da war die alte Frau, die ihren schweren Körper immer in einem überdimensionierten Mao-Kragen-Hemd verbarg und  Nachmittag für Nachmittag ihren zerschlissenen Einkaufsbeutel um den Hals schwerfällig an zwei Krücken zur Tankstelle schleppte, um dort die Müllkübel nach Flaschen zu durchforsten, um ihren Fund nur wenig später im Leergutautomaten im nahegelegenen REWE in einen Bon zum kurzen Glück umzuwandeln.

Und da war auch dieser Vierertrupp an Punks, die sich des unbehaglichen Wetters ungeachtet auf dem mit feuchten Zigarettenkippen übersäten Vorplatz eingerichtet hatten, sich gerade über den Ausdruck „Feierabendbierchen“ auszuschütten drohten und ihr  - als sie sich anschickte, das Fahrrad an ihnen vorbeizuschieben - schlechten Geruchs und bester Laune fröhlich zugrölten „Guten Morgen, meine Dame. Bist `ne Hübsche!“  Sie musste ein wenig lachen über die Eigenartigkeit der Situation, obwohl ihr das Lachen in letzter Zeit immer häufiger im Hals  stecken zu bleiben drohte, weil sie über den Zustand der Welt erschrak, deren Teil auch sie unweigerlich war. Deren Rädchen im Getriebe.

Dieses kleine Erschrecken fiel sie in letzter Zeit immer häufiger an. Wenn sie an den rumänischen Mann dachte z.B., der jeden Abend, wenn die Stadt ein wenig die Ventile zu lockern und das Tempo etwas zu drosseln begann, in der Buchhandlung am Bahnhof auf den Stufen zum angrenzenden Cafe saß, in der ein Kaffee so viel kostete, wie er für einen ganzen Tag üblicherweise zur Verfügung hatte und in den einheimischen Zeitschriften las, immer wieder hochblickend, wenn Schritte sich näherten, hoffend auf einen Blick, auf ein Lächeln oder ein paar Sätze, die über das tägliche „Bitte Geheimzahl eingeben und mit grün bestätigen!“ der Kassiererin mit den kindlichen Wangengrübchen und den vielen Farben im Haar und dem fast erektil toupierten Hinterkopf hinausgingen.

Oder an den unscheinbaren Zugreisenden, der ihr täglich im Wagon schräg gegenübersessen hatte, und den sie eines Abends mit nach Hause genommen hatte, weil es manchmal eben gewisse Nächte gab, in denen sie nicht gut allein sein konnte und weil er, wenn er den Mund hielt, einen fast gütigen Gesichtsausdruck hatte. Sie erschrak über sich, wenn sie sich vorstellte, wie sie sich im Augenblick des höchsten Rausches beschämt und sich fremd fühlend von ihm abgewandt hatte, während sie an den einen dachte, zu dem sie Vertrauen gewonnen hatte, den sie möglicherweise sogar liebte, wer weiß das schon, von dem sie jedoch nichts forderte und der jetzt gefälligst zu erdulden hatte, was sie an Opferrauch für ihn ersonnen hatte.

 

Southernmost Point

Er hatte die Messlatte hochgelegt. Verdammt hoch.

Seit sie ihn in diesem kleinen andalusischen Hotel-Shop  – Ansichtskarten, Zahnbürsten, Kekse, Luftmatratzen, eingeschweißte Oliven, Kühlschrankmagnete und Mausefallen mit Sonnenuntergängen, Strandtuniken, Seife ... – zum ersten Mal begegnet war,

Er, aus Yorkshire, Anfang 70, verwitwet und ohne das passende Kleingeld for the Daily Telegraph.

Sie, 32, mit ein paar Englischkenntnissen und zwei Euro, mit denen sie ihm aushelfen konnte.

 

Vom nächsten Tage an waren sie wie zusammengeschweißt. 14 Tage lang. Er zahlte und erzählte. Von historischen Ereignissen, Isabella von Kastillien, von Kreuzfahrten, von seiner verstorbenen Frau.

Sie schenkte ihm handgeschriebene Gedichte, die ihn seltsam tröstlich erschienen. Wie zum Dank fing er an, ihr eine Welt auseinanderzusetzen, über die sie nie wieder im vollkommenen Einklang mit dieser nachzudenken imstande war.

Weil Menschen sich die Koffer im Hotel hochtragen ließen und zwei Stunden später im hauseigenen Fitness-Studio Gewichte stemmten. Weil es Leute gab, die  auf E-Readern Schiller lasen, aber es ablehnten, ein Chateau Lynch-Bages aus Plastikbechern zu trinken. Weil sie in einem französischen Restaurant Lachs aßen und die Haut liegen ließen und in einer Sushi-Bar wiederum umgekehrt agierten ...

 

Sie war hingerissen. Er war hingerissen. Jeder auf seine Weise. Ohne jegliche Zweideutigkeit. Fast.

 

„Verbringe mit mir den Winter auf La Gomera und ich wende den Kopf diskret zur Seite, wenn du einem jüngeren Gehör schenkst.“

 

Sie erschrak ein wenig über sich, als sie ihren Gedanken zuhörte, wie sie dies tatsächlich zu erwägen begannen.

 

 

...

 

 

Silvester - Irgendein Kapitel

Silvester

Der letzte Tag des Jahres ist immer ein wenig, als stehe man an einem Bahnsteig und winke dem davonziehenden Jahr durch die Zugfensterscheibe zu. Der Zug ist noch nicht abgefahren, man steht ein bisschen verlegen und weiß nicht recht, was man noch machen soll. Richtig anzufangen kann man miteinander nichts mehr, macht seltsame Gesten, eigentlich will man gehen, kann aber noch nicht ...
Ich glaube, auch deshalb hat der Mensch den Alkohol erfunden. Alkohol macht Abschiede leichter.

Für mich ist der letzte Tag des Jahres kaum noch aushaltbar. Genau ein Jahrzehnt nach unserem Spaziergang im nächtlichen Park, diesem einem, alles verändernden Spaziergang, war Martin an einem Silvesterabend aus dem Leben gegangen. Er hatte sich einfach auf eine Bank unter der schiefen Kastanie gelegt und war erfroren. Jene Bank,  die ihm damals als Bühne für seine extrovertierten Weinert-Rezitationen gedient hatte und auf der kaum noch jemand verweilte, so rau und blättrig war ihr dunkelgrüner Anstrich geworden mittlerweile, unentwegt diese schiefen, nie mehr aus dem Kopf verschwindenden Gavin Bryars-Tom-Waits-Zeilen wiederholend, Jesus Blood never failed me yet in der Endlosschleife ... This one thing I know, for he loves me so“… Jesus Blood never failed yet … Was soll man sagen? Martin hatte besser als jeder andere gewusst, dass Alkohol und Kälte keine  gute Liaison sein würden ... Aber dieses Wissen war nicht mehr von Belang. Nach einer Stunde war der Gesang einfach verebbt.

Alkohol hatte in unserem Leben nach kurzer Zeit gar nichts mehr leichter gemacht. Im Gegenteil: Er war unerlässlich geworden. Ich merkte es anfangs nicht, meine Schichtdienste im Krankenhaus hielten mich am Laufen und ich hatte auf diese Weise keine Übersicht über die Tagesstruktur Martins.

Selbstverständlich war er sofort auch nach Antritt seines Psychologie-Studiums an der vorderen Front gewesen. Er hatte sich noch nie für irgendetwas besonders anstrengen  müssen, darin glichen wir uns sehr. Nur wächst man daran nicht. Dass er es im Vergleich zu mir zu etwas bringen würde, lag eher daran , dass Männer nicht auch immer andere Herren in den Schoß fielen und sie davon abhielten, ihren Weg unbeirrt zu verfolgen.

Jedoch häuften sich die Nächte, wenn ich vom späten Dienst kam, dass ich ihn mit Bastian auf dem Flur des Studentenwohnheims fand, in eine riesige Wolke aus F6 und selbstgedrehten mit irgendeinem furchtbar russischem Kraut, zockend und lärmend. Meine Begeisterung darüber entwickelte sich umgekehrt zu Länge unserer Bekanntschaft. Ich schaute pikiert, sagte meist aber nichts. Manchmal beschwerten sich andere Studenten, wenn es nachts um 3 Uhr die Szenerie besonders groteske Ausmaße annahm. Sie waren nicht nur aufgrund ihrer Jugend auf verlorenem Posten. „........“ schleuderte Bastian ein Rosa-Luxemburg-Zitat aus seinem unerschöpflichem Fundus. Das hebelte die meisten sofort aus. Seltsamerweise waren die beiden Unruheherde auf eine unerklärliche Weise für viele Mitbewohner ein Faszinosum, was beiden  natürlich vollkommen bewusst war  und dass sie weidlich auszukosten wussten. Vielleicht wäre es besser gewesen, Martin hätte mit Anfang 30 nicht mehr im Studentenwohnheim gewohnt. Vielleicht hätte er in einer herkömmlichen Mietergemeinschaft mit germanischem Ordnungs-Gen eher seine Grenzen gespürt.

 

6. Kapitel

Warum ich nicht beim ersten Gatten, dem faden, unscheinbaren, geblieben bin? Trotz Martin? Das habe ich mich selber manchmal gefragt. Leichtigkeit buchstabiert sich tatsächlich wohl auf andere Weise. Nachdem ich Hannes verlassen hatte, kamen immer wieder Zeiten auf, in denen ich mich fühlte wie Dresden am Morgen des 14. Februar 1945. Man ist dann so am Boden, dass einem sogar unangemessene Vergleiche vollkommen egal sind. Aber das sind sie mir eigentlich immer. Mir tut es fast leid:

Meine Gedanken schmeißen sich viel zu oft auf die Gleise vor mir. Sie machen trotzdem kaum Platz für die Sittenpolizei im Kopf.

Ob ich mit dem Gatten Nummer eins zwischen den Laken ...? Was soll ich sagen? Selbstverständlich! Ich habe mir nie etwas nichts zu Schulden kommen lassen und bin stets mit Anstand zur Unanständigkeit geschritten.

Die Gedanken sind ja frei. Das ist das einzige, was ich heute noch dazu erinnere. Die Gedanken sind frei. Das ist überhaupt ein großes Glück.

 Beim ersten Mal braucht man diesen Satz noch nicht. Da sind ja alle ein bisschen interessant. Wie schwer atmet  der dann? Und wie guckt er einen an? Was macht der so und was sagt er dabei, davor, danach ...? Man ist meist konzentriert und vollumfänglich dabei. Ganz Ohr eben auf allen Antennen. Die Aura von Nowosibirsk zieht zwischen zwei Menschen bekanntlich oft erst später ein.

Interessanter ist es in Krisenzeiten aber, wenn man sich in Komplizierte verliebt hat. Die mit den Geschichten. Die selber ein bisschen Story sind, wie es so schön heißt.

Bei mir lief das irgendwann stets nach einem ähnlichen Drehbuch ab:

Immer wenn ich anfing, Liebhaber kulinarisch zu umsorgen, wusste ich, dass ich anfing, mit ihnen fertig zu sein. Zu wissen, ich hatte etwas über mich gebracht, was mich am meisten langweilte, um ihnen wenigstens eine echte Männermahlzeit zu hinterlassen, befreite mich auf eine sonderbare Weise von Schuldgefühlen, während ich längst wieder, das Herz klopfend bis unter die Haarwurzeln, auf unbekanntem Terrain meinen Lebenshunger spazieren führte. ... Kochen war das Alarmsignal, das jeder meiner Gefährten übersehen hatte. Meist saß ich dann bereits mit einem Mann mittwochs zwischen fünf und sieben irgendwo in einem Cafe und führte Gespräche, die längst schon Umarmungen waren. Nur bei Hannes waren all diese Warnzeichen ausgeblieben.

 

 

5. Kapitel

Unser Zug erreicht gerade mit quietschenden Bremsen den Berliner Hauptbahnhof. Unglaublich, dass moderne Technik noch mit solch einem Getöse auf sich aufmerksam machen muss!

Die meisten der Aussteigenden kenne ich. Morgen für Morgen fahren wir gemeinsam in die Hauptstadt, passieren vereint unspektakuläre mitteldeutsche Landschaften, schweigen miteinander und schlafen zusammen – niemals umgekehrt.

Ich habe mir oft über das besondere Wesen dieser Pendler-Communities Gedanken gemacht. Sie sind ein seltsames Gebilde, diese Zwangsgemeinschaften. Jeder akzeptiert jeden auf seltsam unabgesprochene Weise. Man kennt schließlich vage das Schicksal des anderen und irgendwann auch die jeweiligen Frühstücksgewohnheiten. Vielleicht schwächelt aber einfach der Kreislauf der meisten um diese Uhrzeit noch zu sehr, um einander ernsthaft anzufeinden.

So verwuchs auch ich über die Monate mit dieser eingeschworenen Truppe – gleichermaßen befremdet, wenn wieder einmal Unzumutbares einstieg, das sich durch infantile Klingeltöne und inhaltliche ähnlich gelagerte Wortbeiträge auszeichnete. Man tauschte dann einen leicht erhabenen Blick aus – und fühlte sich aufgrund der neuen verbindenden Feindschaft einander noch etwas näher.

Unser größter gemeinsamer Nenner jedoch waren die täglichen beiden gemeinsam verbrachten Stunden. Das waren immerhin mehr als 70% der verheirateten Deutsche im Stande waren, miteinander auszuhalten.

Eine gute Stunde hin, eine gute Stunde zurück. Das brachte mich irgendwann auf die Geschäftsidee mit den Sitzungen. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück: Das waren im Schnitt zwei Beratungen für zwei Klienten. Bald fuhr ich die Strecke zweimal am Tag, an guten Tagen sogar dreimal. Mehr schaffte ich nicht, mehr menschliches Schicksal war nicht absorbierbar.

Sie fragen sich, wie ich zu meiner Entscheidung gelangt bin, ausschließlich Männer zu beratschlagen?

Nun – offen gestanden stehe den kompliziert verflochtenen Frauenproblemen oft vollkommen ratlos gegenüber, sie überfordern mich schlicht mit ihrer Vielschichtigkeit oder der Wucht ihrer Tragik.

Hingegen fühlte ich schon in meiner Kindheit die immense Beratungsbedürftigkeit von Männern in emotionalen Alltagssituationen, die Frauen offenbar mühelos bewältigten.

Dass man bei Männern anders herangehen muss, ist wohl wenig überraschend. Mit Gequatsche vertreibt man sie. Viel Frauen beschweren sich darüber, dass die typisch männliche Bewältigungsstrategie sich in vielen Fällen in einem Kasten Bier erschöpfe und alles sei wieder gut. Das ist aber nur ansatzweise wahr. Auch andere Mythen über psychologische Besonderheiten des Mannes sind absoluter Quatsch. So simpel, wie uns einschlägige Zeitschriften und Literatur weismachen wollen, sind die Männerprobleme dann doch nicht.

Zum ersten Mal überkam mich diese Ahnung über die generelle Hilflosigkeit von Männern, als meine Mutter – ich muss etwa acht gewesen sein  - einmal wegen einer Gelbsucht für drei lange Wochen ins Spital musste. Drei lange Wochen, die mir wie eine Ewigkeit erschienen.

Der Auslöser für ein Schlüsselerlebnis war wie so oft meine Schwester - oder besser - deren abenteuerliches Outfit. Zu ihrer Entschuldigung sei an dieser Stelle hinzugefügt, dass sie zu diesem Zeitpunkt selbst erst wunderliche 14 Jahre alt gewesen war. Unwürdige Gewandungen sollen in diesem Lebensabschnitt zuweilen vorkommen.

1981 – der unglückselige Sommer der Hochzeit von Charles und Diana, den wir an der Ostsee verbracht hatten. Auf der Rückreise meine tief braungebrannte, darunter aber quittengelbe Mutter kläglich neben meinem wartburglenkenden Vater kauerte. Unmittelbar nach unserer Rückkehr wurde bei ihr tatsächlich eine veritable Gelbsucht diagnostiziert.

4. Kapitel

Es gibt Menschen, bei deren Geburt die Grazien offenbar anderswo zu tun gehabt hatten, als ebendort Pate zu stehen: Ralf-Christoph Bückling, Martins Mitbewohner, war ganz offensichtlich einer von dieser Sorte. Er sollte unser erster Fall werden.

Am Nachmittag von Bastians Ankunft waren wir mit eben diesem und etlichen im Rucksack klimpernden Flaschen  Rosenthaler Kadarka in Martins  kärglicher Behausung angekommen. Er war der Älteste im Studentenwohnheim, aber etwas anderes lag jenseits der finanziellen Zumutbarkeit. Seine Eltern hatten ihm konsequent jegliche Unterstützung gestrichen, nachdem er sein Medizinstudium derart fahrlässig in den Sand gesetzt hatte.

So war es zu erklären, dass Martin gemeinsam mit seinem schwer gehemmten Kommilitonen Ralf-Christoph Bückling die etwa 24 qm blauschwarze Auslegware bewohnte. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass es sich bei Ralph-Christoph um einen fleischgewordenen Komplex handelte, der dem grotesken Irrglauben erlegen war, sich durch fleischfarbene Textilien unsichtbar machen zu können.

Das erste was ich von ihm sehen sollte, waren seine Schuhe, die er pflichtschuldigst vor die Tür der Wohneinheit gestellt hatte. Schuhwerk, das meine Mutter früher als Übergangsschuhe zu bezeichnen pflegte, wobei in diesem Falle unklar blieb, welcher Übergang darin vollzogen werden sollte. Der vom guten zum schlechten Geschmack mit Sicherheit nicht. Hier war der Geschmacksrubikon offenbar längst überschritten worden.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich jedoch noch nicht, dass dies wohl eine Hinweis darauf war, dass hier der Übergang vom gesellschaftlich akzeptieren zum pathologischen Verhalten sich im Schuhwerk symbolisierte.

Martin hatte nicht viele Worte über ihn verloren, außer dass sich Ralph-Christoph sobald dritte im Raum waren einsilbig wurde, sofern es sich um Frauen handelte, einfach kein Wort mehr herausbrachte, sobald sich junge Frauen in seiner Umgebung aufhielten, in eine Art Kopflosigkeit und merkwürdiges Verhalten zu verfallen drohte, ansonsten aber harmlos sei.

Nicht im Entferntesten hatte ich aber geglaubt,  dass dies im Klartext hieß, dass Ralph-Christoph angesichts jeglicher weiblicher Anwesenheit nicht mehr in Lage war, schweratmend  seine stierenden Blicke von seinem Gegenüber abzuwenden.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nie ein Fräulein „Rührmichnichtan!“ gewesen, ich habe männliches Interesse immer  genossen - ganz gleich, ob dies mir seitens eines Zerspanungsfacharbeiters oder eines Universitätsprofessors entgegengebracht worden war.

Ich bin vielerlei Annäherungen von Männern gewohnt. Allein die  Jahre in der Klinik haben mir jegliche Zimperlichkeit ausgetrieben.

Aber Ralph-Christophs Verhalten seltsamerweise nicht zurückhaltend ignorant, sondern  jedoch im Verlaufe des Nachmittags nicht abließ und mich unablässig mit diesem stierendem Blick verfolgte, begann ich mich doch etwas unwohl zu fühlen.

Als ich Martin auf Ralph-Christophs Beziehungsleben ansprach, lachte dieser zunächst sein unverkennbares Lachen, fasste mir beherzt an die Region, die sein eigenartiger Raumteiler die ganze Zeit fixiert hatte, um daraufhin die gesamte Tragik dessen Liebeslebens zu schildern.

Die größte Tragik besagten Liebeslebens bestand darin, dass es keines gab. Der aus einer kleinen Stadt am Fuße des Harzes stammende Ralph-Christian war 23 Jahre alt, und hatte noch nie mit einer Frau in einem Raum, geschweige denn im selben Bett geschlafen – mit Ausnahme seiner Mutter. Wie er die drei Jahre im Dienste der NVA überstanden hatte, für die er sich in der Hoffnung auf ein Medizinstudium verpflichtet gesehen hatte, weiß niemand. Die weibliche Konstante, die sein Leben bisher durchzogen hatte, war seit jeher seine Mutter.

Ralphs Mutter kam alle zwei Wochen am Freitag angereist, um das Wohnheimzimmer akribisch zu reinigen und die Wäsche ihres Sohnes mit nach Hause zu nehmen. Es war, als ob das Wäscheband die beiden unweigerlich und für immer zusammenhalten würde.

Allein Martin profitierte davon in zweierlei Hinsicht. Einerseits hatte er sich keinerlei studentischen Putzplan zu unterwerfen, den er ohnehin ignoriert hätte und andererseits  kam er  auf diese Weise in den vierzehntäglichen Genuss Ralphs ganz beachtlicher Heftchen-Sammlung, die dann komplett in seinen Spind wanderte, damit nicht etwa ein mütterliches Illusionsschloss zum Einstürzen gebracht werde.

Das Kränkendste für Männer wie Ralph-Christoph war jedoch nicht, dass er für Frauen unsichtbar war. Er arbeitete schließlich seit Kindesbeinen daran, dass er nicht wahrgenommen wurde. Wirklich beschämend und deshalb unerträglich war für ihn, dass Frauen ihm oft mit Mitleid und sozialer Fürsorge begegneten. Vielleicht resultierte daraus sein innerer Zwang, einen pathologisch wirkenden Chauvinismus zur Schau zu tragen.

Ob mein Wittenberger Klient, der gerade zusteigt, ein so hoffnungsloser Fall sein wird, wie Ralf-Christoph es damals war, vermag ich noch nicht zusagen.

Dieser nämlich hatte den Bogen überspannt, weil er auf Anraten Martins eine Art Konfrontationstherapie im Selbstversuch startete.

Die Konfrontation bestand laut Martins drastischen Anordnungen im Wesentlichen darin, dass Ralph-Christoph seine Angst vor Frauen bekämpfen sollte, indem er diesen bewusst nachstellen und sie in ungewöhnlichen Situationen überraschen sollte. Dass dies nicht gut ausgehen konnte, erschließt sich von selbst.

 

 

3. Kapitel

Manchmal denke ich, dass es ein Fehler gewesen war, wohlhabende Sugardaddys nicht erhört zu haben und bockig auf dem Verdienen eigenen Geldes beharrt zu haben. Gelegenheiten gab es. Oh ja. Und nicht ganz wenige. Ich sage dies ohne jegliche Koketterie, es ist nur ein Fakt.

Ja, das Leben wäre leichter gewesen. Ich hätte nicht in unzähligen Spitälern die Drecksarbeit machen müssen und meine Gunst an Stationsärzte und später auch Klinikvorstände verramschen müssen. Ich hätte mich um vieles leichter meinen feinsinnigeren Interessen widmen können.

Stationsalltag kann sehr öde sein, vor allem seit der Zeit, als das Krankenpflegepersonal nach dem Mauerfall kaum noch etwas selber machen durfte. Fast alle Ermächtigungen und Verantwortlichkeiten waren weggebrochen. Sprachliche Grobgeister von heute sprechen nun einmal so. Als wäre der Ossi endlich in seiner Unmündigkeit entlarvt worden, so brach die Wende an meinem Arbeitsplatz über mich hinein.

Meinen ersten Ehemann habe ich in einer Berliner Klinik aufgetan. Ein feiner Mensch, das war er wirklich. Ein sehr feiner sogar. Aber Sie wissen ja: Über einen Mann zu sprechen und als erstes seinen Charakter zu  erwähnen, das heißt meist nichts Gutes. Nicht dass mir das Sexuelle besonders wichtig gewesen wäre. Aber ich hatte einen Blick für Ästhetik entwickelt, der dem Aufwachsen mit westdeutschen Magazinen geschuldet war. Ich hatte dort meine blickschulenden Lehrmeister gehabt. Mit der seligen QUICK erwachte mein  sexuelles Interesse. Kurzum: Ich konnte ihn mir nicht mehr schön denken. Darf man das sagen, ohne der Oberflächlichkeit geziehen zu werden?

Dennoch: Hannes war ein solch erschütternder Fall von Graumäusigkeit, dass viele ihn schon vergessen hatten, während sie ihn noch betrachteten.

Wäre ich ihm zwei Jahre früher begegnet, ich hätte ihn vermutlich nicht einmal bemerkt.

Die Lebensphase allerdings, in der ich ihn kennen gelernt hatte, war keine ganz einfache gewesen und meine Seele schon damals eine kleine Rumpelkammer.

 In dem kleinen unaufgeregten Städtchen, in dem ich aufgewachsenen war, hatte ich bei der erstbesten Gelegenheit versucht, der gläsernen Glocke, die über allem Geschehen zu liegen schien, zu entfliehen. Was gottlob gelang, als sich diese auch nur einen Spalt breit am Rande geöffnet hatte. Sechzehn war ich damals und man hätte mich frühreif nennen können, was aber nicht den Kern traf. Ich empfand dies in keiner Weise so. Ich war schlichtweg emotional auf mich allein gestellt und hatte schon bald herausgefunden, dass es Anerkennung seitens der Männer am leichtesten zu erlangen gab. Deren Gunst trug mich. Zumindest so lange bis ich dem nächsten erlag.

Das war die Zeit, die mich nach Leipzig zpülte.

Mit dieser Stadt war es ein wenig anders als mit den Männern. Keine Liebe auf den ersten Blick. Runtergekommen war sie noch an vielen Ecken. Sozialismus ist kein Wellness-Urlaub für Städte. Sie erinnern sich. Sozialismus tut dem Aussehen einfach nicht gut.

Aber es waren Jahre der auflebenden Stadt. Niemand wusste so richtig, wohin die Reise gehen sollte, aber alle scharten mit den Hufen.

Und was mir am besten gefiel, waren die vielen Studenten die das Straßenbild bunt machten. Sie hören das schon.

Es war die Zeit als Studenten noch nicht Studierende hießen, was ich im Übrigen nie verstanden habe.

Leipzig war damals der Ort, wo man als junger Mensch sein musste. Ein wunderbarer halbfertiger Tummelplatz für Ewiggestrige, Innovateure, Anleger, Studenten und Schrebergärtner. Sie tickte irgendwie unschuldig im eigenen Rhythmus und wir, die wir da waren, tickten einfach mit. Natürlich gab es auch die hässlichen, die absurden nachwendischen Auswüchse: die weggeworfenen Ost-Autos in den Hinterhöfen, das Markttreiben vorm Völkerschlachtdenkmal mit den unsäglichen Fransenlederjacken und bunten Ladenhütern aller Art, mit den Reiseführern „Mallorca für kleines Geld“ ... Und doch war da dieses verführerische Lebensgefühl, es sei so vieles, wenn nicht gar alles möglich ...

 

Ich erinnere mich noch genau an eine Zeit, in der ich mit dem Gedanken spielte, der Stadt einmal den Rücken zu kehren. Ich hatte einen guten Job angeboten bekommen als OP-Schwester in Berlin-Buch. Der Name gefiel mir, denn Bücher waren so ziemlich das einzige, was ich noch lieber mochte als Männer.

Mit der Stelle war ein im Grunde unmöglich täglich zu absolvierender Arbeitsweg verbunden, und doch sah ich mich nicht im Stande, die Stadt zu verlassen, um anderswo meine Zelte aufzuschlagen. Noch nicht einmal im verheißungsvollen Berlin.

 

2. Kapitel

Martin erschien mir nicht nur der lebende Kontrast zu meiner augenblicklichen männlichen Realität, sondern ohne Zweifel auch eine der schillerndsten Persönlichkeiten zu sein, die ich jemals kennen gelernt hatte: von scharfem Verstand, von anstrengender Eitelkeit, die sich jedoch mit einer solch entwaffnenden Liebenswürdigkeit paarte, dass sie nicht selten sogar Polizisten um den Finger zu wickeln vermochte.
Wenn er wieder einmal wie so oft in frühen Morgenstunden mit 1,3 Promille im Kopp auf dem Fahrrad von diesen mit der Frage „Haben Sie noch Restalkohol?“ konfrontiert wurde, pflegte er stets schelmisch lächelnd zu entgegnen, er verbäte sich vehement diese Bettelei. So war er bislang durchs Studentenleben gefahren, und so sollte er es auch im zweiten Anlauf tun: lachend, feiernd, glücksspielend, diskutierend und saufend, immer ein wenig zu nahe am letzten Vernunftsbuffet "vor Grenze".

Ursprünglich hatte Martin Chirurg werden wollen, doch dann war ihm doch einmal eine Unbedachtsamkeit tonnenschwer auf die Füße gefallen, die er mir freimütig und ohne jedes Gefühl der Reue bei unserem Parkspaziergang offenbarte:

Kurz vor Studienabschluss hatte er seinen besten Freund in ein Kreißsaalpraktikum hineingeschmuggelt.
In der Tatsache, dass dieser Freund kein Mediziner, sondern nur etwas ähnliches, nämlich Bauingenieur war, hatten die beiden kein besonderes Problem gesehen. Im Gegenteil – sie fühlten sich aufs Gründlichste vorbereitet, hatten sie doch wochenlang Dammschnitte, Zangengeburten und Leopoldsche Handgriffe an einem eigens zu diesem Zwecke erworbenen Meerschweinchen simuliert.
Dass das wuschelige Tier diese harte Vorbereitungszeit nicht bei bester Gesundheit überstanden hatte, hätten die beiden kommissarischen Hebammen in spe eigentlich als schlechtes Omen deuten müssen, schwelgten jedoch altersgemäß in reichlich testosterongeschwängerten Allmachtsphantasien.

Kurzum: Endlich im Kreißsaal – das Vortestat hatte jeder von ihnen übrigens mit Bravour bestanden – kam es nicht mehr zu Ausführung ihrer beflissen erworbenen Fertigkeiten, denn nach der zweiten Presswehe einer Erstgebärenden taumelte der Bauingenieur bereits leicht erbleichend von links nach rechts, dann von rechts nach links und kippte mit der Presswehe Nummer drei kopfüber in eine Nierenschale, die in der Nähe stand.

Bei der durch den kleinen Unglücksfall erforderlich gewordenen Aufnahme seiner Personalien, hatte man leider herausgefunden, dass es sich in seinem Fall um einen Fremdkörper handelte und man ihm ziemlich deutlich erklärt, dass für einen Bauingenieur keinerlei Kreißsaalpraktikum vorgesehen sei.

Beider Exmatrikulation war eine Sache von nur zwei Wochen. Meine bedauernswerten zukünftigen Schwiegereltern durchliefen nahezu alle Stufen des Eltern-Kind-Eskalationsprogramms: Ohnmacht, Geschrei, Enterbungsflüche.

Martin aber schien dies wenig zu bekümmern, er hatte ja noch Bastian, der mir nur wenige Stunden nach unserem morgendlichen Parkspaziergang vorgestellt werden sollte. Er war im Grunde mit in die Ehe gebracht worden.

Ich weiß noch, dass es ein warmer Herbstnachmittag gewesen war, als ein untersetzter und leicht verwahrlost wirkender junger Mann im Verbund mit einer beträchtlichen Mastika-Wolke, diesem slawischen Teufelszeug, an der Ostseite des Hauptbahnhofs aus einem Bus rollte, der außer seinem bulgarischen Kennzeichen eine beträchtliche Anzahl weiterer Unzulänglichkeiten aufzuweisen wusste.

Bei dem Herausgerollten handelte es sich natürlich um Bastian, der unmittelbar nach dem Kreißsaal-Gau genau das getan hatte, was er immer zu tun pflegte, wenn er wieder einmal über einen Fallstrick des Leben gestolpert war: Abhauen. Abhauen in Richtung Balkan. In diesem Fall: Abhauen nach Bulgarien.
Zunächst sah ich nur eine Frisur, die sich im Grunde dieser Bezeichnung nicht würdig zeigte, das kantige erschöpfte Antlitz ihres Inhabers aber auf seltsam aufmerksamkeitserzeugende Weise umrahmte.
„Privjet“, war das erste Wort, das ich von ihm wahrnahm und es sollten uns noch unendlich viele slawische Perlen aus diesem Munde entgegenfallen ...

(to be continued by U.G.)

Aus dem Gleis 1. Kapitel

AUS DEM GLEIS

(Kapitel 1 einer Fortsetzungsgeschichte)

Ich habe gar nichts studiert, nur immer die Menschen um mich herum. Ich glaube nicht, dass eine Universität mit dem konkurrieren könnte, was ich in meinem Lebenserfahrungskörbchen habe. Sollen die Wissenschaften leben, Statistiken und Analysen fabrizieren oder sich mit Wortungetümen wie Komparatistische Stochastik oder stochastische Komparatistik schmücken - meine Welt ist dies nicht.

Ich war schon immer lieber am Menschen dran – am liebsten am Mann, das will ich nicht verschweigen. In meinem tatsächlichen Beruf, dem der Krankenschwester, hatte ich dazu nicht wenig Gelegenheit. Die Nachtdienste waren das Schlimmste, auch das muss ich leider zugeben. So bin ich auch an meinen ersten Ehemann geraten, einen verdammt jungen, etwas verklemmten Internisten, dem schon das Haar schütter wurde. Aber das ist eine eigene Geschichte.

Ich war schon immer leichtfertiger als andere. Ich wollte zeichnen und Bilder ansehen, Bienen beim Summen assistieren, Musik hören, Geschichten lesen und erleben, des Lebens unendliche Weiten nicht nur in Serien erfahren, aber auch.

Ich wollte nie ernst sein. Nie Abendessen zur selben Zeit. Nie mit einem Mann jeden Abend auf dem Sofa beschließen. Ich war hingerissen zwischen Sissi und Fightclub. Wollte immer in einer wichtigen Stadt leben und gleichzeitig einen Garten haben. Einen Garten mit so einer Schaukel, mit der man sich überschlagen könnte, wenn man sich nur traute. Wo das Kleid hochfliegt und die Welt für einen kurzen Augenblick Kopf steht.
Viel mehr war mir ehrlich gesagt nie wichtig.

Vielleicht hatte dieses haltlose Wesen mich auch zu meinem zweiten Ehemann geführt. Wer weiß das schon? Das Schicksal ist kein mieser Verräter. Es ist ein Verräter. Punktum.

Der zweite Gatte jedenfalls hatte sich aufgrund eines Dumme-Jungen-Streichs mit Karacho gerade aus seinem Medizinstudium herauskatapultiert und sich - vor allem weil soeben erst mit großem Tamtam das bestandene Physikum gefeiert worden war - bei seinen gutbürgerlichen Eltern in ihrer ebensolchen Küche slightly unbeliebt gemacht.
Dies war insofern sogar verständlich, da der "Herr Sohn", wie sie diesen als echte Angehörige ihrer Generation nannten, in seiner darauffolgenden halbjährigen Phase der beruflichen Neuorientierung vorwiegend erst am Abend lebendig zu werden pflegte.
Die Nächte verbrachte er in schönster Regelmäßigkeit in fragwürdigen sachsenanhaltinischen Spelunken, entwickelte sich zu einem ausgemachten Wodka-Kenner und erwarb sich einigen Respekt in der Türsteher-Szene, da er herübergemachten Wessis beim Armdrücken den selbigen nicht selten zu brechen wusste – allerdings nicht ohne die Frakturen dann mit zerknirschten Gesicht in der Notaufnahme der Städtischen Klinik abzuliefern.

Bei einer solchen Gelegenheit liefen wir uns das erste Mal über den Weg. Ich hatte Nachtdienst und er einen Burkhard aus Braunschweig im Schlepptau, dem der Arm ein bisschen komisch im Jackenärmel hing und dem er immer wieder beschwörend zu-raunte „Es wächst zusammen, was zusammen gehört!“.

Ob er mich denn nach Dienstschluss nach Hause geleiten dürfe, war im Grunde schon eine Formalität. Nach einem zweistündigen Spaziergang im morgengrauenden Park hatte ich nicht nur einen Heiratsantrag auf Tasche, sondern diesen auch angenommen. Die Kleinigkeit, dass ich bereits verheiratet war, erschien mir in diesem Moment wie eine Wirklichkeit vom anderen Stern. Jedenfalls nicht wie die meine. ...

(to be continued by Ulrike Gastmann)