Von Kindheit und Geschlechtsteilen

Kerstin H. aus Wilhelm-Pieck-Stadt Guben erzählt:

 

Bis zu meinem fünften Lebensjahr ging im Grunde alles gut – ich war schlichtweg zu beschäftigt, als mich mit den oftmals fragwürdig aussehenden Schaltstellen menschlichen Lebens auseinandersetzen zu wollen: Ich wurde in den Künsten der Rhetorik und der Fortbewegung unterwiesen, erwarb elementare Kenntnisse der Höflichkeit, z. B. dass man auch Kindern von Stasi-Spitzeln auch mal ein Westkaugummi anbieten sollte und dass man Gespräche nicht einfach autistisch beendete, indem man sich demonstrativ die Ohren zuhielt. Ich lernte, auf Bäume zu klettern und einigermaßen unbeschadet hinunterzufallen, durch Tonnen zu kriechen, Fahrrad ohne Stützräder zu fahren, Omas mit Stützstrümpfen damit wiederum nicht umzunieten, Purzelbäume und Rad zu schlagen und wie der Blitz um das Kindergartengebäude zu flitzen. Ich heiratete mehrfach und immer im Wechsel die beiden selben Knaben, es waren gute Exemplare ihrer Art und die Hochzeitszeremonie war stets schön und aufregend. Zu Scheidungen zwischen den  einzelnen Eheschließungen kam es nicht, da sie in unserer Welt nicht vorgesehen waren und außerdem keiner den  Rechtsanwalt spielen wollte.

Eine wunderbare Welt - bis zum Tage, als der Schwimmunterricht begann:

In der Zone war es üblich, dass man kurz vor Schulbeginn das Schwimmen erlernte und so fand auch ich mich wöchentlich inmitten meiner Kindergartengruppe in der Städtischen Schwimmhalle wieder.

Rund um das chlorgeschwängerte Nass herrschte meist ein rauer Ton,  der sich eher zur Kontrolle einer Division der Roten-Armee in einem Domina-Studio geeignet hätte als für die Körpererziehung einer Schar kümmerlicher Fünfjähriger. 

Schwimmlehrer und Bademeister wussten offenbar genau, wie man mit einer solch hochgradig gefährlichen Zielgruppe umzugehen hatte und gaben sich derart autoritär, dass es manch eingefleischtem Masochisten ein wohliges Schaudern über den Rücken getrieben hätte.

So war es selbstverständlich, dass wir deren mürrischen Befehlen ohne den geringsten Widerstand folgten und uns pünktlich zu Beginn der Schwimmstunde splitterfasernackt am Beckenrand aufstellten, schließlich wollten wir ja auch später einmal als richtige FDGB-Urlauber bestehen. Eine der dafür nötigen Schlüsselqualifikationen, das gemeinschaftliche Anstehen an einem Essensschalter, beherrschten wir schon  recht gut, nun sollten wir auch fit für den FKK-Strand gemacht werden.

Allein ein einziger Knabe durfte die eine Badehose tragen. Das der Tarnung dienende Textil hatte natürlich Signalfunktion für uns, einmal genauer hinzuschauen, wenn es im Umkleideraum gewechselt wurde.

So stellte sich heraus, dass der Junge an einer Wachstumsstörung litt, die sich paradoxerweise genau dort befand, wo sich mit etwas Glück in ein paar Jahren die ersten Schamhaare einfinden würden. Wir waren entsetzt und … vor allem ratlos. Wie konnte das denn sein?! Googlen konnten wir die Geschichte noch nicht, es hätte auch nichts genutzt, denn wir konnten noch nicht lesen.

Erwachsene schienen nicht die richtigen Ansprechpartner zu sein, denn sie ignorierten das illustre Geschlechtsteil so demonstrativ, dass man intuitiv merkte, sie würden uns mit irgendeinem Ammenmärchen abspeisen, das sie für „kindgerecht“ hielten.

Aber unsere Phantasie abenteuerte wild: Neben so unbedarften Theorien naiver Kinder, dass allein mangelnde Intimpflege zu solch einem Ergebnis geführt haben könnte, neigten wir vielmehr dazu den spannenden Hypothesen unseres Kameraden Ricco Kampfmüller Gehör zu schenken.  Dieser – in den herben Gefilden des Stadtparkes aufgewachsen – hatte dort im Kreise seiner beiden Busenfreunde, den Zwillingsbrüdern Marko und Mirko Wechselgeld, die Thematik ausgiebig  diskutiert.

Am Expertenstatus der Wechselgeld-Brüder zweifelte keiner von uns, waren diese doch schon 12 und in der 3.Klasse.

Die beiden Erklärungsmodelle des illustren Dreiergespanns beruhten einerseits auf der Annahme, dass die Mutter des Knaben mit einem damals in der Stadt ansässigen kubanischen Gastarbeiter einen missglückten Koitus interruptus praktiziert  und andererseits auf der Überlieferung, dass selbige während der Schwangerschaft sehr gerne und vor allem sehr oft die Roberto Blanco-Platte  „Ein bisschen Spaß muss sein“ angehört hatte.

 

Erfahren haben wir es nie, aber ich muss zugeben, es bestimmte meine kleine Gedankenwelt für mindestens weitere zwei Wochen, dann wandte ich mich wieder anderen Dingen zu und konnte bald mit und ohne Badehose schwimmen.

Meine Erstbegegnung mit dem Benz unter den Geschlechtsteilen – dem männlichen Begattungsorgan – fand etwa ein Jahr darauf statt. Es war schon über 80 und wurde mir – wie es später auch mit weiteren Vertretern jener Art geschehen sollte  – völlig unaufgefordert präsentiert.

Der Besitzer des Greisengliedes war der in der Nachbarschaft wohnende Herr Stricker, der Großvater meines Spielgefährten Jens-Uwe. Eigentlich wohnte Jens-Uwe Stricker mit seiner Mutter in Castrop-Rauxel, wurde aber regelmäßig zu seinen Großeltern ins Brandenburger Exil verschickt.

Allein die Tatsache, dass ich nicht mal ansatzweise über den inneren Reimzwang  nachdachte, den Jens-Uwes Nachname Stricker barg, beweist meine damals noch völlige Arglosigkeit gegenüber Schlüpfrigkeiten.

Jens-Uwe selbst war ein wenig älter als ich, versuchte sich dann und wann in gründlich misslungenen Komplimenten („Dein rechtes Ohr ist schön“) und war vor allem so erschreckend mager, dass ich mir Castrop-Rauxel als einen sehr, sehr armen Ort vorstellte, dessen Bewohner man besser mit Care-Paketen unterstützte.

 

Während Sven in seiner Heimatstadt hungerte, hing der alte Herr Stricker regelmäßig aus seinem Küchenfenster und lockte mich einmal mit dem In-Aussichtstellen einer bemerkenswert üppigen Briefmarkensammlung zu sich in die Wohnung.

Ganz besonders angetan hatten es mir die Walt-Disney-Marken aus dem Westen, die meinem kindlichen Auge in ihrer wuchernden Farbenfreude so viel besser gefielen als die meist geriatriefarbenen Zonen-Postwertzeichen.

Natürlich war es strengstens untersagt, auch nur eine dieser winzigen, papiernen Kostbarkeiten zu berühren und so musste ich mich zur Markenbetrachtung mit verschränkten Händen an einen kleinen Tisch stellen, sodass der alte Philatelist sich von hinten an meinen schmalen, da erst sechsjährigen Rücken herandrücken musste, um die Seiten umzublättern.

Nach einiger Zeit schien der arme Herr Stricker schlimme Probleme mit dem Luftholen zu bekommen, sodass ich mich besorgt umwandte.

Was ich sah, war zwar - aus heutigen Maßstäben heraus betrachtet -kümmerlich, reichte jedoch dafür, dass ich erbleichend  zurückwich und aus der – ausschließlich - ALTENfreundlichen Wohnung rannte.

Folgeschäden?

Manchmal erschrecke ich noch heute leicht an den lokalen Baggerseen, wenn das Geschlechtsteil eines militanten Nackt-Surfers laut im Fahrtwind flattert, weil dies ein wenig dem Geräusch ähnelt, das entsteht, wenn man einen seit einer Woche toten Hamster in den Ventilator hält. Sowas hat mir mal ziemlichen Ärger mit meiner Mutter gebracht – nicht wegen des Hamsters, aber der Ventilator war aus dem Intershop. Dafür kann der alte Stricker aber wirklich nichts.

Was jedoch  dessen Treiben angeht, so formulierte ich dadurch das einzige Prinzip, dem  ich bis heute in der Lage war zu befolgen:

Nie wieder soll mir ein 80jähriges Geschlechtsteil unter die Augen kommen, zumindest nicht bis ich selber über 60 bin. Dann sehen wir weiter. Im wörtlichen Sinne: Schritt für Schritt.

 

Nachtrag:

Erst  Jahre später erfuhr ich, dass es offenbar viele Pädophilatelisten wie Herrn  Strickers gibt. Viele gar, die diesen in seinen Aktivitäten bei weitem noch an Tüchtigkeit übertreffen. Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.

 

 

 

 

Grammatikalische Parabel

Die beiden abstrakten Substantive TRUNKENHEIT und LEBENSSINN gerieten einmal in Streit darüber, wer wohl von beiden die wichtigere Rolle bei den Menschen innehabe.
"Es bedarf im Grunde keiner Diskussion, mein Lieber, denn die Sache ist klar!", hub verächtlich der Lebenssinn an. "Betrachte nur einmal deine geradezu kümmerliche Optik, Trunkenheit", höhnte er. "Völlig disproportioniert! Vornerum viel Tamtam und hinten ein ganz kleiner Schwanz! Aber was ist von einem jämmerlichen Derivat, einer lächerlichen A-b-l-e-i-t-u-n-g, schon zu erwarten?

Ich hingegen", er wiegte sich dazu ein wenig kokett in den Hüften, "gefalle allerorten als solch begnadetes Kompositum, dass mir sogar ein Fugen-s als Leibhalter dienen muss!"


Nachdem er sich ein wenig selbstgefällig tänzelnd zur Genüge präsentiert zu haben glaubte, fuhr er fort: "Alle suchen meine Nähe, aber ich kann es mir leisten, wählerisch zu sein, während du dich - einer schillernden Hure gleich – in beliebigster Auswahl denen vor die Füße wirfst, die sich auf den Weg zu mir machen. Du bist eine billige Blenderin, versprichst am Abend alles, um am Morgen längst über alle Berge zu sein! Als Souvenir nur Schmerzen und Verdruss hinterlassend!“ Der Lebenssinn geriet nun endgültig in Rage: "Kannst du mir erklären, wie du darauf kommst, dich mit dem edelsten Element des menschlichen Wortschatzes messen zu wollen?"

"Vielleicht weil du sehr einsam sein musst", entgegnete die Trunkenheit nüchtern.

"Bis zum heutigen Tage habe ich ja noch keinen den Weg passieren lassen.“

Prüfungszeit

Die junge Frau mit dem Kopftuch, die vor ihr sitzt, sieht müde und verwirrt aus.

Sie versteht nicht ganz, was man von ihr will. Noch ist ihr Deutsch zu dürftig, als dass sie sich mit einer Fabel von Aesop herumschlagen könnte. „Der Fuchs und die Trauben“ heißt der Text, der vor ihr liegt und den sie nur mit Mühe ihren vier Zuhörern vorlesen kann. „Der Fox“ sagt sie immer und etwas mit einer Lehre am Ende hat sie auch schon gehört im letzten Jahr.

Das vergangene  Jahr. Anstrengend war das. Plötzlich wieder auf der Schulbank sitzen.  Mit 24. Deutsch, Mathematik, Englisch, Computerunterricht, ...  Zu Hause – das Kind. Sieben Jahre mittlerweile. Kränklich. Immer. Schon Schwierigkeiten in der 1. Klasse. Der Schimmel in der Wohnung, aus der sie raus mussten. Der Umzug. Alles allein. Keine Großeltern. Der Vater des Jungen: weg. Nach einem gemeinsamen Jahr hier in Deutschland. Weg. Ihm gefiel die neue Heimat zu gut.

Jetzt sitzt sie hier. In einer Prüfung. Deutsch. Sie wird über ihr Wohl und Wehe entscheiden. Über ihren Hauptschulabschluss. Sie hat genau eine Chance. Diese. Eine weitere wird es nicht geben.

Die junge Frau müht sich. Vieles versteht sie, wenn man es ihr lange und geduldig erklärt. Nur dafür ist eine Prüfung mit vier ziemlich streng und ernst blickenden fremden Leuten nicht der richtige Ort.

Sie weiß, sie redet jetzt diffus. Muss sich zusammennehmen. Ihre Hände zittern.

Nach einer kleinen Unendlichkeit wird sie für einige Minuten hinausgeschickt. Das Ergebnis muss diskutiert werden. Das Hofzeremoniell der kleinen Macht  muss eingehalten werden.

"Mir ist es scheißegal, was sie erzählt hat.“, sagt sich drinnen die Prüfungsbeauftragte. „Sie kriegt eine „3“.

Frühlingsgefühl

Der Schlüssel. Der Schlüssel hätte nicht sein dürfen. Nicht an der Außenseite der Badezimmertür in seiner Wohnung. Wenn nur dieser verführerische  Schlüssel nicht gewesen wäre.Schon bei ihrem letzten Besuch war da dieses beunruhigende Gefühl gewesen. Er hatte sie zum Bahnhof gebracht. Dabei hasste sie Bahnsteig-Abschiede.

Dieses Gefühl, wenn der Zug nicht abfahren will. Man steht verlegen herum und weiß nicht recht, was man noch machen soll. Richtig anzufangen kann man miteinander nichts mehr, macht seltsame Gesten. Glaubt  zu wissen, der andere will eigentlich verschwinden, kann aber noch nicht .

Was sollte also das Ganze? Dieses Mal war es noch unangenehmer. Sie sehnte die Abfahrt seltsam herbei, man stand auf dem Bahnsteig. Mit Zeitungen ausgerüstet und einer Flasche Wasser. Mustert andere mit Gepäck heranrollende Reisende. Einfach nur so.

 

Da kam die Durchsage. Der Zug würde sich um sieben Minuten verspäten.

Sieben Minuten. Das kam keiner Katastrophe gleich. Und doch: Sie merkte, wie Ärger in ihr aufstieg. Sie selbst verstand dies zunächst nicht, bis ihr,  als sie längst abgefahren waren,  bewusst geworden war, dass ihr Ärger den weiteren Minuten gegolten hatte, die sie in seine Gesellschaft zwangen. 



Nun, nach dem weiteren gemeinsamen Wochenende war alles nur deutlicher zutage getreten

Seine Gegenwart war ihr plötzlich  wie ein Kontrastmittel zum Wohlgefühl erschienen.

Ein, zwei Stunden ertrug sie seinen Schatten. Schließlich hatte dieser keinen uninteressanten Werfer. Ein gute Position im Beruf, intellektuell und idealistisch gleichermaßen, das mochte sie, weitreichende Bibliothek, abrufbares Wissen.

Dann und wann blitzte etwas trockener Humor auf. Parissehnsüchtig. Trotzdem verlässlich. Beruhigend im Habitus. Strukturiert. Ein guter Wurf, dieser Mann.

 

Aber sie ertrug ihn nicht mehr. Seine Präsenz, die sich an sie heftete wie eine Bleiweste. Seine fast unterwürfige Hilfsbereitschaft, ihr Gepäck zu befördern, sie zu bekochen, sie zu beglücken.

 

Durch die Stadt mir zu gehen. Hinter ihr zu stehen, wenn sie sich Kleider beguckte, hinter ihr zu atmen, wenn sie Bücher kaufte.

Sie schaute ins nichts, wenn sie zum nächsten Regal schritt, sie wollte so tun, als bemerke sie das alles nicht.

 

Wollte sie ihn schützen? Sich selbst? Sie hätte es nicht sagen können.

 

Später in seinem Schlafzimmer drehte sie den Kopf beiseite, um seinen sauren Atem nicht zu riechen. Magenbeschwerden hatte er. Seit Jahren wusste sie das. Jetzt war ihr das alles zuwider. Als er mit für einen Mann viel zu hellem, spitzen Geschrei über ihr zusammenbrach, erschrak sie über die Kälte ihrer Gedanken.

 

Sie war kurz danach aufgestanden, um sich anzuziehen. Schnell.

 

Er wunderte sich noch ein wenig darüber, als er im Badezimmer verschwand.

 

Sie schaute auf die Uhr. Als sie aufsah, fiel ihr der Badezimmerschlüssel auf, der seltsam unlogisch von außen steckte.

 

Sie dachte nichts. Fühlte nichts als sie ihn leise zweimal umdrehte.

 

Im Treppenhaus fürchtete sie fast, die Nachbarn zu befremden, so laut löste sich die Kette von ihrem Brustkorb.

 

Auf der Straße blühte die Stadt.

 

 

 

 

 

 

Das Hochzeitswehr - Eine Leipziger Sage neu erzählt

Vor vielen vielen Jahren trat ein junger Sohn eines wohlhabenden Immobilienmaklers aus Rheinland-Pfalz eine Reise nach Ostdeutschland an. Er wollte sich in den heruntergekommenen Metropolen des Ostblocks umsehen, sein Wissen erweitern und Betriebswirtschaft studieren. Er sah viel Neues, lernte viel und verbrachte einige Jahre im lebhaften Osten.

Die Messestadt Leipzig gehörte damals schon zum Pflichtprogramm. Dort genoss er die Kahnfahrten auf dem Karl-Heine-Kanal und der Elster. Aber auch die schönen Mädchen gefielen ihm. Nicht wenigen lag er des nächstens bei und schenkte sich ihnen hin. Es sollte nicht lange währen, da verliebte er sich nachhaltig und so ehrlich und so tiefen Gefühls wie er es eben vermochte.
 
Der Vater indes hatte Pläne mit ihm. Er solle in Leipzig für das elterliche Geschäft tätig werden. Der junge Betriebswirtschaftler stürzte sich in die Arbeit und als der Vater die Tochter eines rotarischen Freundes als Braut vorschlug, fügte sich der Sohn. Die SMS, Emails und Whatssapp-Nachrichten zwischen ihm und der schönen Einheimischen wurden selten. Schließlich erloschen sie ganz.
 
Bald fühlte sich der Bräutigam in der neuen Familie wohl. Kein Wort war gefallen von der schönen Verlobten aus dem Leipziger Osten.
Die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden getroffen. Die Verlobte in Reudnitz-Thonberg erfuhr davon durch Klatschkolumnisten der örtlichen Presse. Tiefer Schmerz erfasste sie, sie erkrankte und wurde schwermütig.
 
Im Leipziger Waldstraßenviertel feierte man inzwischen eine so prachtvolle Hochzeit, dass es den Schah von Persien hätte grün vor Neid hätte werden lassen. Der ganze Reichtum der beiden Familien mit dem Immobilienmakel wurde zelebriert. Viele Gäste aus dem In- und Ausland und aus Rheinland-Pfalz feierten mit. Als das Fest zu Ende ging, beschloss man, auf dem Fluss, der Elster hieß, nach Plagwitz zu fahren, das einem mittlerweile gehörte.
Das Boot des Brautpaares war prächtig geschmückt. Der frisch vermählte Ehemann steuerte selbst sein Boot. Man weiß nicht warum, des Absinths wegen oder einer gewissen Wedding-Paranoia wegen, es kamen Erinnerungen an die Zeit mit dem schönen Leipziger Mädchen auf. Er dachte an das geliebte Mädchen, mit dem er einst verlobt gewesen war. Er blickte auf und glaubte, sie vor sich schweben zu sehen, mit einem Totenkranz im Haar, unendlich traurig. Sie winkte ihm zu.

Just in dem Moment, als er sie - ihm zuwinkend - zu sehen glaubte, erreichte das Boot das Wehr. Die Strömung des Wassers riss das Boot tief nach unten und verschluckte es für immer. Jegliche Steuerkunst, wäre sie vorhanden gewesen, hätte nichts mehr ausrichten können.
Mitfahrende Hochzeitsgäste retteten sich lieber selbst und ans nahe Ufer. Das junge Paar aber ertrank in den Fluten.
In einem der folgenden Monate wartete die örtliche Presse mit der Nachricht auf, dass die Verlobte im Leipziger Osten noch in der Nacht des Unglücks vom Vater des jungen Immobilien-Maklers besessen worden war und ihn wenig später geheiratet hatte.
Im Volksmund wird erzählt, dass alljährlich zur Unglückszeit zwei wunderschöne Wasserrosen dort am Wehr aufblühen. Sie verströmen ihren lieblichen Duft, um für alle Zeiten an jene Stelle zu erinnern, wo jenes unglückliche Ereignis stattfand.
 
Wieso jedoch nur zwei ...?