Kästner kann man nicht alleine - jedenfalls nicht ohne Kirchberg

Manchmal ist es gut, den Samstagabend antizyklisch zu verbraten: Wenn der Mitmensch vorm Fußball-Bildschirm taumelt, dann gehört ihm liebevoll über den Kopf gestrichen und das Weite gesucht. Ein Kästner-Abend KANN eine Alternative sein. Doch. Rufe ich denen zu, die jetzt widersprechen. Es muss aber ein Kästner-Abend sein, der von Johannes Kirchberg bestritten wird. Weil er schlichtweg dieser Tage das würdigste und unterhaltsamste Erich-Kästner-Sprachrohr weit und breit ist.
...Was er (und das Klavier) da mit Erichs Texten auf der Bühne macht, das ist aber weit mehr als Unterhaltung und Würde. Das ist witzig und traurig zugleich, das ist wie für einen Samstagabend lang vom wahnwitzigen Irrsinn der Welt reingewaschen zu werden und den Balkon vorm Herzen wieder runterzuklappen. Und damit ist es nicht nur richtig gut, was Johannes Kirchberg da mit seinem Programm macht, sondern auch schlichtweg wichtig, Halten wir fest: Die Welt muss nicht weniger Fußball haben. Wirklich nicht. Aber ganz entschieden mehr Kirchbergs.

Für Klaus Kordon - Eine Liebeserklärung

„Wunschlos glücklich ...“ - Welch wunderbar trügerische Redensart!

Allein: Ich bin das lieber nicht. Ganz im Gegenteil, ich bin eine Ausgeburt an Wünschen. Welcher an erster Stelle steht, kann ich selbstverständlich coram publico innerhalb dieses Mediums nicht erwähnen. Den zweiten aber schon: Ich würde furchtbar gerne mal diesen von mir sehr bewunderten Mann interviewen. Oder wenigstens treffen. Das wäre was!

Klaus Kordon ist vermutlich einer der fleißigsten Schreiber innerhalb der Jugendliteratur Deutschlands. Gerade vorgestern ging ich erneut wie ferngesteuert aus einem Buchladen mit seinem Buch “1848“ hinaus, eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen der 15jährigen Jette, die bei ihrer Schwester lebt, die wiederum nach dem Tod der Eltern eine Dirne mit Kleinkind ist und dem 17jährigen Frieder. En passant wird dabei die Geschichte der deutschen Revolution von 1848 erzählt, denn Frieder gehört zu den Revolutionären. Kordon erklärt wie nebenbei die Politik der Demokraten sowie die der Anhänger der Monarchie und berichtet darüber, wie die jeweiligen Parteien vorgegangen sind. Es ist alles so wunderbar unaufdringlich wie dies geschieht ...

‚Kordon, der Vielschreiber’ würde man vielleicht salopp an anderer Stelle sagen, aber das klingt bei weitem zu despektierlich und zu verharmlosend für einen Menschen, der rigoros in das Leben von jungen Menschen einzugreifen vermag – und dies auf die allererfreulichste Weise.

Und er scheint zu platzen vor Leben. Vor Erfahrungen, vor Begegnungen und Anekdoten, die  er auf seinem Weg gesammelt hat, der in Berlin 1943 begonnen hat und seitdem mit diesem Brennpunkt an lebender Historie zutiefst verwoben ist. Ob es das Leben am Prenzlauer Berg ist, die Geschichten aus der Kneipe seiner Mutter, die den delikaten Namen  „Zum ersten Ehestandsschoppen“ trug oder die Tatsache, dass er mein Geburtsjahr im Stasigefängnis Hohenschönhausen verbracht hat – alles scheint sich in ihm zu Geschichte zu verweben, die einen den Geruch der Berliner Straßen nach einem Regenguss im vorigen Jahrhundert  erleben und die Farbe der frechen Hütchen der Schöneberger Kokotten am Straßenrand sehen lassen.

Kordon vermag es, auf begnadete Weise Geschichte jenes Herzblut zu geben, das den doch - ach so - oft nüchternen Zahlen und Fakten des Geschichtsunterrichts fehlt. Er macht sie anhand von einfühlsam geschilderten Einzelschicksalen und Lebensgeschichten erleb- und nachvollziehbar – müßig zu erwähnen, dass die Begleitumstände aufs Akkurateste recherchiert sind.

Klaus Kordon: Wer seinen halbwüchsigen Kindern irgendetwas Gutes mitgeben will, versteckt mal drei Tage lang alle im Haushalt befindlichen Ladegeräte und schließt die Brut mit Kordonbüchern für drei Tage in deren Zimmer weg.

Einen Versuch wäre es wert. :-)

Pippo non lo sa

Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht viel über Georgien.

Nur noch irgend etwas Diffuses, weil bei uns in der 7. Klasse das Fach Geographie komplett auf Russisch unterrichtet wurde. Die DDR nannte dies noch nicht „fächerübergreifenden Unterricht“, man sagte dazu einfach: „in der Russischklasse wird Geographie auf Russisch gemacht“ und so war es dann auch. Die SU war dran und wir lachten uns die ganze Zeit über die den ursprünglichen Namen von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, schlapp, weil diese eben dort Tbilisi heißt und sich entsprechend humoresk anhörte. T und B zusammen macht sich für einen deutschen Sprecher einfach nicht so smooth.

Über die Kenntnis bedeutender Georgier will ich lieber gleich schweigen. Über Dschugaschwili ohnehin und der Schewardnadse ist ja jetzt auch schon eine zeitlang über den Jordan.

Auch heute will die Welt noch immer nicht recht etwas von Georgien wissen und doch drängen sich Zufälle noch immer unverschämt direkt zwischen die Synapsen. Gottseidank muss man sagen. Sonst wäre ich nicht (über ein geschenktes Buch) über einen schreibenden –wili, einen sagenhaften Georgier, eine Denkwürdigkeit par excellence gestolpert: Über GIWI MARGWELASCHWILI. (http://www.zeit.de/k…/literatur/2009-11/giwi-margwelaschwili.)

Ein Georgier? Ein Deutscher? Ein Mensch auf jeden Fall. Mit einer bewegenden Biographie, die dennoch nicht ansatzweise seine erstaunlich skurrile Art zu schreiben erklärt.

Schauen wir in das Berlin des Jahres 1927. Dort wird ein Kind geboren, dessen Eltern vor der Roten Armee aus Georgien geflohen waren. Der Vater spielte eine gewisse Rolle in der georgischen Emigration, nun Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität, die Mutter starb früh. Der Junge, trotz dieser Ausgangslage, genoss das Leben der Berliner Boheme der frühen 40er Jahre, sich in Bars herumtreibend, Jazz, Swing, vor allem der italienische Saxofonist und Herzensbrecher Tullio Mobiglia, Erotik – möglicherweise all das in anderer Reihenfolge.
‚Swing und Nazideutschland – wie geht das zusammen?’“, mag mancher sich heute fragen.
Dazu Margwelaschwili ein halbes Leben später in einem Interview: Wer nicht in einem diktatorsichen Thema gelebt habe, verstehe auch nicht die Bedeutung der Spiele, die innerhalb seiner thematischen Grenzen gespielt worden sind.

Die kommenden Jahre in fertigmachender und eindrücklicher Darbietung dieses überaus phantasievollen, fast kindlich klugen Schreibstils in der Kurzfassung durch den Schriftsteller selbst:

„Im Februar 1946 Übertölpelung meines Mamasachlissimus (=Vater) durch den Geheimdienst des Kolchosischen Kosmos (Kolchis = griech. Bezeichnung für das alte Georgien) seine Entführung zusammen mit Söhnchen (mit mir) aus dem dixieländisch-bostonischen Sektors Berlins in den kolchosischen. Hier die Trennung der beiden (Ex-Mamssachlissimus ist nach Verurteilung ... dann irgendwo am Polarkreis interniert und anonym verstorben.). Sein Sohn (ich) ist nach einem Monat Bunkerhaft und 1 ½ Jahren Aufenthlat in Sachsenhäuschen (!) ... über Moskau nach Tbilisi geflogen und dort bei seiner Tante zur Bemutterung abgegeben worden. Seither auf der Wartburg (Übergangsraum in dem die Diktatur-Bewohner auf bessere Zeiten warten, U.G.) gegen alle menschenrechtswidrigen Auswüchse der Diktatur des Proletariats. “